Verehrter Freund, Deine freundlichen Zeilen von neulich habe ich noch nicht dankend
beantwortet, weil die von Dir angekündigte Conzerteinladung bisher nicht eingetroffen
war, und ich meinen Ausflug nach Wiesbaden davon abhängen lassen mußte. äAuch heute
habe ich noch kein Barthsches Aktenstück in Händen und desshalb wollte ich Dich jetzt
bitten, mir ohne Umschweife Nachricht zu geben, ob Dein freundlicher Plan mich auf
ein acht Tage durch solche Veranlaßung in Deine Nähe zu ziehen, nicht an irgend
welchen lokalen Umständen gescheitert ist.å So sehr mich’s eben freuen würde,
Gelegenheit zu jener Excursion zu finden – lediglich Deiner Gesellschaft halber, wie
Du mir unschwer glauben kannst – so sehr würde ich bedauern, wenn Dich’s
Überredungsmühen kosten sollte, jene Einladung für mich zu forciren. Im Grunde bin
ich jetzt von keiner anderen Ambition geplagt, als der, die gegenwärtigen
Schulmeisterferien zu eignen Arbeitsversuchen zu verwerthen; der Umstand, daß mich
meine Frau aus Gesundheitsrücksichten nicht würde begleiten können, lähmt überdies
meine Wanderlust. äDie Berliner Temperatur ist so ausnahmsweise für diese Jahreszeit
kühl und miasmenfrei, daß man es zudem recht gut während der r losen Monate aushalten
kann.å Macht sich zufällig die Sache, ohne daß Du nöthig hättest, irgendwelche
ausserordentliche Anstengungen auf meine Empfehlung zu verwenden, so würde es mir
allerdings eine ganz angenehme Diversion sein, in Wiesbaden und etwa Homburg einige
Stunden Klavier zu gaukeln und im Übrigen mit Dir zu peripatiniren. Mr. Heda ist,
glaube ich, nach New York gereist. Hoffentlich kommt er bald und nicht als Ultra
nämlich Yankee zurück. Er hat einige cisatlantisch sehr unpraktische Dummheiten
letzterer Zeit verübt, die uns fatal gewesen sind. Ich rechne dahin namentlich die
marktschreierischen Annoncen von Tausig’s Geisterschiff das besser \von/ den Wogen
der Öffentlichkeit unbeleckt geblieben wäre und ferner auch von Liszt’s
Verdi-Illustrationen, die ich durch eben diesen Umstand in Wien zu spielen verhindert
worden bin, zu meinem und seinem Schaden. Doch dies Letztere will er nicht glauben
und er hat mich über meine „Lauheit“ mit allen möglichen Vorwürfen beregnet. Kannst
Du ihn nicht einigermassen für die gemäßigtere Humbug-Zone acclimatisiren? äHier gibt
es absolut nichts Neues. Von Radecke heisst es, er werde als Bewerber um die
Conzertdirektion in Frankfurt a/M über Emil Naumann u. A. mit Recht den Sieg davon
tragen. In Breslau soll Julius Schäffer (an Reinecke’s Statt) ernannt sein, der sich
trotz seiner glänzenden äusseren Lage von Schwerin hinwegsehnt. å Ist Dir ein neuer
Brahms, Namens A. Saran (Fantasie-Variationen Op. 1. Whistling) vorgekommen? Robert
Franz und Anhang machen gross Wesen aus ihm und proclamiren ihn zum eigentlichen
Messias „der da kommen mußte“. Die Berliner sagen „Pietsch kommt.“ Mit Kullak,
zwischen welchem und meiner Wenigkeit es neuerdings zu einer Annäherung gekommen ist,
werde ich möglicherweise zu Neujahr ein literar.-musikal. Unternehmen gründen, bei
dem wir auch sehr auf Deine Mitwirkung rechnen möchten. Vorläufig ist noch nichts
Festes vereinbart, auch soll eigentlich noch nichts davon verlauten: ich theile Dir
also unter dem sogenannten „cachet“ der Verschwiegenheit \nur/ mit daß die
„musikalischen Hausblätter“ ganz populär gehalten und zweimal monatlich erscheinen
sollen. Der Verleger ist eigentlich auch schon gefunden. Anfang August soll eine
Zusammenkunft bei Brendel stattfinden, betreffs Berathschlagung von besserer
Organisation der Zeitung u. s. w. Dieser Vorschlag ist von mir ausgegangen; ich freue
mich dann bezüglich Deiner das, was mir am Herzen liegt, zu scharfem Ausdruck
Brendeln gegenüber bringen zu können. Es wird im Grunde auch Deine Ansicht sein, daß
die Neue Zeitschrift zu erhalten und zu stützen sei. Zum Mainzer Musikfest habe ich
eben eine Einladung erhalten, als Zuhörer. Ich gehe natürlich nicht hin: sonderbares
Vergnügen, Israel in Egypten und Cmoll-Sinfonie (die Handwerksburschensinfonie wie
Bruno Bauer zu sagen pflegte) einmal mehr im Schweisse seines Angesichtes abzusitzen!
äDarf ich Dich um eine Gefälligkeit ersuchen? Ein früherer Bekannter von mir, seit
vier Jahren in Amerika, Edmund Remack, Advokat und Literat wünscht gern von New-York
aus, wo er sich etablirt hat, für deutsche Musikzeitungen zu correspondiren. Er hat
musikalisches Talent und Verständniß: ich kann ihn in dieser Beziehung mehr als
Andere empfehlen, auch schreibt er amüsant und witzig. Möchtest Du seine
Mitarbeiterschaft Schott proponiren? Seine Honoraransprüche sind die bescheidensten.
Könntest Du’s auch bei den Signalen? Etwa als Vice-Butterbrodt? Aber auch hierbei
bitte ich Dich ja keine übermässige Wärme zu vergeuden. Das ist’s nicht werth.å Ich
studiere mir jetzt die Emoll-Suite und ein Dritteldutzend Frühlingsboten für nächste
Saison ein. Auf das Erscheinen des fismoll Duo’s reflectire ich stark: wie ist’s
eigentlich mit dem Trio? Hast Du’s überarbeitet oder etwa gar ad acta gelegt? Über
Schreiber habe ich gross Entsetzen gehabt. In einer Correspondenz der Bischoffischen
wurde er auf eine Weise verarbeitet, die nicht celebritätanbahnend genannt werden
kann. Hat er’s verschmerzt wie event. seine Zuhörer? Doch genug der Fragen. Lebe
bestens. Viele Grüsse „von Haus zu Haus“, eine Abkürzungsformel zwischen zwei
Verheiratheten, die zu empfehlen ist. äIn unveränderlicher Ergebenheit Dein Berlin, 7
Juli 1860. HvBülowå [copyright Simon Kannenberg]