Wien, 20. April 1860. Verehrter Freund, ein geringes Zeichen, daß ich Deiner gedenke,
bin ich Dir schuldig. Das beifolgende Programm gibt es Dir – daß ich mit
Hellmesberger die zweite Sonate, über die er sehr glücklich ist, nicht habe spielen
können, darüber ärgert sich selbst Schuberth nicht mehr als ich. Es war nicht
möglich, aus vielen, vielen Gründen. Einer davon und zwar nicht der hauptsächlichste
war der, daß ich diese beiden Wochen über sehr gekränkelt, äviele Tage das Bett
gehütet, zwei Zähne habe herausreissen laßen müßen etc. Zweimal ist es aus dem Bette
in den Conzertsaal gegangen – nicht schlecht übrigens. Von Dienstag 24sten bis zum 1
Mai bin ich in Prag (Gasthof zum schwarzen Ross.) – dann sofort zurück nach Berlin –
ich bedarf dringend einiger Erholung und Ruhe.å Ich habe zu arg gewüthet in geistiger
Anstrengung wie in Eisenbahnfahrten. — Tausend Dank für Deine nachsichtsvolle
Beurtheilung der Elfenjagd. – Die Metamorphosen haben zum Theil ausserordentlich
gefallen. – Übrigens – die Berliner sind musikalisch intelligenter als die Wiener,
trotzdem alle hiesigen Mittel, namentlich die offiziellen, jedenfalls in Deutschland
den ersten Rang einnehmen. Man hat hier das beste Orchester, die besten Solisten
(Sänger.) Mit grosser Betrübniß habe ich von dem schweren Verluste gelesen, der Deine
verehrte Frau Gemahlin kürzlich betroffen. Darf ich Dich bitten, Sie meiner
herzlichen Theilnahme zu versichern? Hoch erfreut werde ich sein, bei meiner Rückkehr
die versprochene Sendung von Dir zu empfangen und mit Muße zu genießen. Jetzt bin ich
sehr ermüdet und abgespannt, und sehne mich nach Ruhe wie ein Nationalgardist in
anarchischen Zeiten. äUnser Heda freund ist zum Theil recht unausstehlich und quält
mich greulich mit seinen Prätensionen, ausschliesslich seinen Verlag zu spielen. Ich
thue mein Möglichstes – aber die Lisztschen ital. Fantasien trotz ihrer glänzenden
Dankbarkeit für den Pianisten durfte und konnte ich hier jetzt nicht spielen, wegen
mancher vorangegangener Skandäler und Infamieen – und es wäre unpraktisch
Geschäftsreisender von Sch. et Comp. in p. i. zu werden. Ich fange an mich zu
verwirren, glaube ich. Lebe wohl – auf bessere Zeiten und sei vielmals bedankt. In
freundschaftl. Bewunderung Dein Dir ergebener ◊1Wien, 20 April 1860 . HansvBülow.å