Paris 29. febr. 1860 19. Rue de Penthièvre. Verehrter freund, an meinem guten Willen
liegt es wahrhaftig nicht; wenn ich in dem Versuch, Deinen Auftrag bei Wagner und
Berlioz auszuführen, gescheitert bin. Übrigens darfst Du’s keinem von Beiden übel
nehmen, daß sie gegenwärtig für derartige Anfragen unzugänglich. Wagner ist in einem
Zustande der Aufregung, der mir für seine Gesundheit zu ernstlichen Besorgnißen Anlaß
gibt. Er würde sich am „lendemain“ mit Vergnügen hinrichten laßen, wenn er am Abend
vorher eine gute Aufführung seines Tristan dirigirt hätte. Ich bin sehr gespannt auf
den Eindruck den Du von diesem Werke seiner Zeit empfangen wirst: jedenfalls gibt er
Dir das nöthige Material zum zweiten Theile der Wagnerfrage, deren erster an W.
übrigens nicht ohne bleibende Spuren zurückgelaßen zu haben, vorübergegangen ist.
Berlioz versicherte nichts im Pulte vorräthig zu haben, was dem Albumzwecke dienen
könnte; etwas ihm selber geringfügig Scheinendes zu geben, davon halte ihn der
Respekt vor Schiller ab, componiren könne er nichts da er mit der Revision seiner
Trojaner beschäftigt sei, welche im neuen Theâtre-lyrique nächsten Jahres als
Eröffnungsoper gegeben werden sollen. (Das Haus ist noch nicht gebaut, soll aber
nächstens begonnen und in sechs Monaten vollführt werden.) äWegen Deiner Fräulein
Schwägerin hat er mir versprochen, an sie zu denken, wenn etwa nächsten Sommer ein
Musikfest in Baden-Baden ihm zum Arrangement anvertraut werden möchte. Darf ich Dir
übrigens dennoch rathen, ihm, Dich auf mich berufend, das Versprechen in Erinnerung
bringen zu wollen? (Adr: 4. Rue de Calais) Von hier kann ich Dir für heute eigentlich
keine Nachrichten geben; zudem befinde ich mich sehr schlecht – eine Grippe, wie ich
sie nie in Deutschland ausgestanden, hält mich seit mehreren Tagen im Zimmer
gefesselt. Nächsten Freitag nachdem ich in Jaëlls Conzert mit diesem Liszt’s Préludes
gespielt, muß ich nach Basel reisen, wo ich zu Sonntag 4 März eingeladen bin.
Dienstag früh bin ich in Paris zurück und gebe am Freitag drauf mein viertes und
letztes Conzert. Dann geht’s nach Utrecht; æda man in Paris nur Geld ausgeben kann,
so muß ich die dargebotenen Gelegenheiten, anderwärts den Beutel zu füllen,
benutzen.ç Am 20. März muß ich in Wien eintreffen; es wird mir somit schwerlich
möglich sein, Dich, wie ich so gern gewünscht hätte, auf der Rückreise zu besuchen.
Darf ich Dich bitten, bei Gelegenheit Schotts beifolgendes Programm zur Mittheilung
zu bringen?å Das Tannhäuserduo (mit einer Kürzung von 4 Seiten in der Einleitung) hat
einen ganz famosen Effect gemacht. Armingaud ist ein Geiger ersten Ranges. Sein
Quartett (Jacquart, Lalo, Lapret ) ist das vorzüglichste der verschiedenen derartigen
Gesellschaften in Paris – die Leute sind frisch und rührig und ich möchte Dich
desshalb bitten, ihnen, wenn Dein erstes Streichquartett erschienen, ein Exemplar
zukommen zu laßen. – In der Saison kann man der Leute allerdings nur schwer habhaft
werden – es handelt sich in diesen Monaten um den Erwerb für’s ganze Jahr. Ich hätte
mit Armingaud gern Deine Sonate gespielt aber es war unmöglich die Zeit zum Probiren
zu stehlen. äSchubert war ein paar Tage hier, zeigte sich mir als einen etwas nach-
und fahrläßigen Menschen und reiste dann nach London. Sein Versprechen zu Donnerstag
dem 23sten wieder hier einzutreffen und der Aufführung des Frankschen Trios (leider
vollständiges Fiasko!) beizuwohnen, hat er nicht gehalten und mich dadurch in
Verlegenheit gebracht, da Briefe und telegraph. Depeschen seiner Frau an mich
anlangten, die ich in Ermangelung seiner Londoner Adreße nicht zu expediren wusste.
Du mußt den Mann in Deine Schule nehmen und etwas stylisiren; „er hat es nöthig.“
Empfiehl mich bestens Deiner Frau Gemahlin und laße uns nicht ausser Zusammenhang
kommen. Falls Du Aufträge nach Wien hast, so vertraue sie mir an; bis zum 12ten März
treffen mich hier Briefe. In alter und neuer Verehrung Dein ganz ergebener Hans
vBülow.å [copyright Simon Kannenberg]