Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Paris
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 29. Februar 1860 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 18
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
an meinem guten Willen liegt es wahrhaftig nicht; wenn ich in dem Versuch,
Veröffentlichung: Bülow 1895 III, S. 302f.; Marty 2014, S. 207; Kannenberg 2020.

Scheiterte beim Versuch, betreffend den Auftrag des E.s bei Berlioz und Wagner etwas zu bewirken. Wagner sei ernsthaft erkrankt und mit dem "Tristan" beschäftigt, der genügend Stoff für den zweiten Band "Die Wagnerfrage" gebe. Der erste Teil sei nicht ohne Spuren an Wagner vorbeigegangen. Berlioz habe versichert, nichts Passendes im Pulte zu haben, was dem Albumzwecke dienlich sein könnte und der Respekt vor Schiller lasse diesen nichts Geringfügiges komponieren, da dieser mit den "Trojanern" beschäftigt sei. Berlioz werde an die Schwägerin denken, wenn ein Musikfest in Baden-Baden stattfinden werde. Habe in Jaëlls Konzert mit diesem Liszts "Préludes" gespielt. Reisepläne: Basel, Paris, Utrecht, Wien. Bittet den E., Schott mitzuteilen, dass das "Tannhäuser-Duo" [von Bülow und Singer] mit einer Kürzung von vier Seiten einen sehr guten Eindruck gemacht habe. Armingaud sei ein sehr guter Geiger (sein Quartett: Jacquart, Lalo, Lapret). Bittet Raff, ihm sein erstes Streichquartett op. 77 zu senden. Hätte gerne mit Armingaud die Sonate op. 78 gespielt, aber es habe an Zeit gemangelt. Schuberth sei ein paar Tage hier gewesen, habe sich als etwas "nach- und fahrlässiger Mensch" gezeigt und sei weiter nach London. Dieser habe sein Versprechen, zur Aufführung des Trios von Franck ("leider vollständiges Fiasko!") zurückzusein, nicht gehalten. Empfehlungen an die Frau.

Paris 29. febr. 1860 19. Rue de Penthièvre. Verehrter freund, an meinem guten Willen liegt es wahrhaftig nicht; wenn ich in dem Versuch, Deinen Auftrag bei Wagner und Berlioz auszuführen, gescheitert bin. Übrigens darfst Du’s keinem von Beiden übel nehmen, daß sie gegenwärtig für derartige Anfragen unzugänglich. Wagner ist in einem Zustande der Aufregung, der mir für seine Gesundheit zu ernstlichen Besorgnißen Anlaß gibt. Er würde sich am „lendemain“ mit Vergnügen hinrichten laßen, wenn er am Abend vorher eine gute Aufführung seines Tristan dirigirt hätte. Ich bin sehr gespannt auf den Eindruck den Du von diesem Werke seiner Zeit empfangen wirst: jedenfalls gibt er Dir das nöthige Material zum zweiten Theile der Wagnerfrage, deren erster an W. übrigens nicht ohne bleibende Spuren zurückgelaßen zu haben, vorübergegangen ist. Berlioz versicherte nichts im Pulte vorräthig zu haben, was dem Albumzwecke dienen könnte; etwas ihm selber geringfügig Scheinendes zu geben, davon halte ihn der Respekt vor Schiller ab, componiren könne er nichts da er mit der Revision seiner Trojaner beschäftigt sei, welche im neuen Theâtre-lyrique nächsten Jahres als Eröffnungsoper gegeben werden sollen. (Das Haus ist noch nicht gebaut, soll aber nächstens begonnen und in sechs Monaten vollführt werden.) äWegen Deiner Fräulein Schwägerin hat er mir versprochen, an sie zu denken, wenn etwa nächsten Sommer ein Musikfest in Baden-Baden ihm zum Arrangement anvertraut werden möchte. Darf ich Dir übrigens dennoch rathen, ihm, Dich auf mich berufend, das Versprechen in Erinnerung bringen zu wollen? (Adr: 4. Rue de Calais) Von hier kann ich Dir für heute eigentlich keine Nachrichten geben; zudem befinde ich mich sehr schlecht – eine Grippe, wie ich sie nie in Deutschland ausgestanden, hält mich seit mehreren Tagen im Zimmer gefesselt. Nächsten Freitag nachdem ich in Jaëlls Conzert mit diesem Liszt’s Préludes gespielt, muß ich nach Basel reisen, wo ich zu Sonntag 4 März eingeladen bin. Dienstag früh bin ich in Paris zurück und gebe am Freitag drauf mein viertes und letztes Conzert. Dann geht’s nach Utrecht; æda man in Paris nur Geld ausgeben kann, so muß ich die dargebotenen Gelegenheiten, anderwärts den Beutel zu füllen, benutzen.ç Am 20. März muß ich in Wien eintreffen; es wird mir somit schwerlich möglich sein, Dich, wie ich so gern gewünscht hätte, auf der Rückreise zu besuchen. Darf ich Dich bitten, bei Gelegenheit Schotts beifolgendes Programm zur Mittheilung zu bringen?å Das Tannhäuserduo (mit einer Kürzung von 4 Seiten in der Einleitung) hat einen ganz famosen Effect gemacht. Armingaud ist ein Geiger ersten Ranges. Sein Quartett (Jacquart, Lalo, Lapret ) ist das vorzüglichste der verschiedenen derartigen Gesellschaften in Paris – die Leute sind frisch und rührig und ich möchte Dich desshalb bitten, ihnen, wenn Dein erstes Streichquartett erschienen, ein Exemplar zukommen zu laßen. – In der Saison kann man der Leute allerdings nur schwer habhaft werden – es handelt sich in diesen Monaten um den Erwerb für’s ganze Jahr. Ich hätte mit Armingaud gern Deine Sonate gespielt aber es war unmöglich die Zeit zum Probiren zu stehlen. äSchubert war ein paar Tage hier, zeigte sich mir als einen etwas nach- und fahrläßigen Menschen und reiste dann nach London. Sein Versprechen zu Donnerstag dem 23sten wieder hier einzutreffen und der Aufführung des Frankschen Trios (leider vollständiges Fiasko!) beizuwohnen, hat er nicht gehalten und mich dadurch in Verlegenheit gebracht, da Briefe und telegraph. Depeschen seiner Frau an mich anlangten, die ich in Ermangelung seiner Londoner Adreße nicht zu expediren wusste. Du mußt den Mann in Deine Schule nehmen und etwas stylisiren; „er hat es nöthig.“ Empfiehl mich bestens Deiner Frau Gemahlin und laße uns nicht ausser Zusammenhang kommen. Falls Du Aufträge nach Wien hast, so vertraue sie mir an; bis zum 12ten März treffen mich hier Briefe. In alter und neuer Verehrung Dein ganz ergebener Hans vBülow.å [copyright Simon Kannenberg]



Zum Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00133709/image_53
Bereitgestellt durch: Bayerische Staatsbibliothek München (BSB)
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0



Zum Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00133709/image_54
Bereitgestellt durch: Bayerische Staatsbibliothek München (BSB)
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0



Zum Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00133709/image_55
Bereitgestellt durch: Bayerische Staatsbibliothek München (BSB)
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0



Zum Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00133709/image_56
Bereitgestellt durch: Bayerische Staatsbibliothek München (BSB)
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0


Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (29. 2. 1860); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 10. 3 2026.