Verehrter freund, welches Pech! Wollte bereits gestern Abend nach dem Concert Paris
mit dem Schnellzug wieder ereilen – aber der Success war der Art, daß ich der Bitte,
mich bei der üblichen Moselkneiperei zu betheiligen, äGehör zu gebenå schliesslich
erweicht wurde. Tags pflege ich nun nicht zu reisen, weil mich das enorm abspannt:
machte daher die kleine Tour nach Bonn um meine Stiefmutter und meine kleinen
Stiefbrüder zu besuchen: jetzt eben – 8 Uhr – bin ich zurückgekehrt, finde Deinen
Brief vom 4. febr. Morgens(?) im Gasthofe vor und ärgere mich von ganzer Galle, daß
die vermuthliche Verspätung der Briefgabe mich eines musikalischen Genußes beraubt
hat, der mir nach der „Wüstheit“ der gestrigen Liederleierei doppelt wohl gethan
haben würde. Schon einmal hatte ich mit Dir ähnliches Pech – das war bei der ersten
Aufführung Deines König Alfred in Wiesbaden, der ich, so zu sagen, vor der Nase
vorbeigefahren bin. Ich bin sehr ärgerlich darüber! äDeine Commißion an B. und W. in
Paris übernehme ich mit mehr Vergnügen als Vertrauen auf Erfolg. Wagner ist im Fieber
– Berlioz leidet „comme un damné“, sieht erbarmungswürdig aus – somit wäre eine
gewiße Unzugänglichkeit zu bekämpfen, von der nicht vorauszusehen ist, ob sie
überwindbar. Versuchen aber werde ichs, das verspreche ich Dir. å Bei meiner Abreise
von Paris hörte ich, daß Jaell eben angekommen. Solltest Du Schuberth schreiben, so
wärest Du sehr gütig, ihn von mir um die versprochene Abschrift der Verditrilogie von
Liszt zu mahnen, deren ich dringend benöthigt bin. Von Deiner Schwägerin Erfolgen am
Berliner Hofe hat mich schon meine Frau unterrichtet. Gratulire herzlich. Besten Dank
für die freundliche Erinnerung an meinen Besuch. Mir liegt er noch sehr angenehm in
den Gliedern. Wenn’s möglich ist, sage ich mir eine Repetition bei der Rückreise zu.
äBis zum 2 März in Paris – 19. Rue de Penthièvre chez Mme Anne Liszt. Am 12ten dieses
2tes Conzert im Salon Pleyel – am 23 drittes bei Érard (Saal so eben eröffnet) –
viertes unbestimmt. å Bin in Paris noch nicht einen Augenblick zur Ruhe gelangt –
konnte dem armen Wagner in Manchem dienen und that’s natürlich mit viel Behagen und
nicht ganz ohne Witz. Hätte Dir aber dennoch in nächster Zeit freiwillig geschrieben.
Hade! „Der Gott der „Eisen“ wachsen liess“ macht mich jetzt zu seinem Knechte. Ich
höre draußen seine Stimme und schliesse eiligst mit meinen dankendsten Empfehlungen
an Deine Frau Gemahlin dies zwischen zwei Zügen eingeklemmte Billet. äUm 11 Uhr fahre
ich fort. Dein Dir herzlich ergebener Hans vBülow. Cöln, 6 februar 1860.å [copyright
Simon Kannenberg]