Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Köln
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 6. Februar 1860 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 17
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
welches Pech! Wollte bereits gestern Abend nach dem Concert Paris
Veröffentlichung: Bülow 1895 III, S. 298; Marty 2014, S. 206f.; Kannenberg 2020.

Habe wegen 'Moselkneiperei' in Köln den Schnellzug nach Paris nicht mehr erreichen können. Habe in Bonn die Stiefmutter und die Stiefbrüder besucht. Ärgert sich, dass er wegen vermutlicher verspäteter Briefabgabe eines musikalischen Genusses beraubt wurde. Mit der ersten Aufführung des "König Alfred" [WoO 14] sei ihm das ähnlich ergangen. Übernehme die Kommission des E.s nach Paris. Wagner sei im Fieber, Berlioz leide "comme un damné". Wurde durch seine Frau von den Erfolgen der Schwägerin des E.s am Berliner Hofe unterrichtet. Adresse bei Anne Liszt, dort vier Konzerte, eines im Salon Pleyel, eines bei Érard. Empfehlungen an die Frau.

Verehrter freund, welches Pech! Wollte bereits gestern Abend nach dem Concert Paris mit dem Schnellzug wieder ereilen – aber der Success war der Art, daß ich der Bitte, mich bei der üblichen Moselkneiperei zu betheiligen, äGehör zu gebenå schliesslich erweicht wurde. Tags pflege ich nun nicht zu reisen, weil mich das enorm abspannt: machte daher die kleine Tour nach Bonn um meine Stiefmutter und meine kleinen Stiefbrüder zu besuchen: jetzt eben – 8 Uhr – bin ich zurückgekehrt, finde Deinen Brief vom 4. febr. Morgens(?) im Gasthofe vor und ärgere mich von ganzer Galle, daß die vermuthliche Verspätung der Briefgabe mich eines musikalischen Genußes beraubt hat, der mir nach der „Wüstheit“ der gestrigen Liederleierei doppelt wohl gethan haben würde. Schon einmal hatte ich mit Dir ähnliches Pech – das war bei der ersten Aufführung Deines König Alfred in Wiesbaden, der ich, so zu sagen, vor der Nase vorbeigefahren bin. Ich bin sehr ärgerlich darüber! äDeine Commißion an B. und W. in Paris übernehme ich mit mehr Vergnügen als Vertrauen auf Erfolg. Wagner ist im Fieber – Berlioz leidet „comme un damné“, sieht erbarmungswürdig aus – somit wäre eine gewiße Unzugänglichkeit zu bekämpfen, von der nicht vorauszusehen ist, ob sie überwindbar. Versuchen aber werde ichs, das verspreche ich Dir. å Bei meiner Abreise von Paris hörte ich, daß Jaell eben angekommen. Solltest Du Schuberth schreiben, so wärest Du sehr gütig, ihn von mir um die versprochene Abschrift der Verditrilogie von Liszt zu mahnen, deren ich dringend benöthigt bin. Von Deiner Schwägerin Erfolgen am Berliner Hofe hat mich schon meine Frau unterrichtet. Gratulire herzlich. Besten Dank für die freundliche Erinnerung an meinen Besuch. Mir liegt er noch sehr angenehm in den Gliedern. Wenn’s möglich ist, sage ich mir eine Repetition bei der Rückreise zu. äBis zum 2 März in Paris – 19. Rue de Penthièvre chez Mme Anne Liszt. Am 12ten dieses 2tes Conzert im Salon Pleyel – am 23 drittes bei Érard (Saal so eben eröffnet) – viertes unbestimmt. å Bin in Paris noch nicht einen Augenblick zur Ruhe gelangt – konnte dem armen Wagner in Manchem dienen und that’s natürlich mit viel Behagen und nicht ganz ohne Witz. Hätte Dir aber dennoch in nächster Zeit freiwillig geschrieben. Hade! „Der Gott der „Eisen“ wachsen liess“ macht mich jetzt zu seinem Knechte. Ich höre draußen seine Stimme und schliesse eiligst mit meinen dankendsten Empfehlungen an Deine Frau Gemahlin dies zwischen zwei Zügen eingeklemmte Billet. äUm 11 Uhr fahre ich fort. Dein Dir herzlich ergebener Hans vBülow. Cöln, 6 februar 1860.å [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (6. 2. 1860); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 15. 3 2026.