Verehrter freund, ädaß ich Dir so spät auf Deinen liebenswürdigen Brief antworte,
entschuldigst Du wohl freundlich mit Rücksicht auf die aussergewöhnliche Anhäufung
meiner Zeitausgaben vor einer grösseren Reise. å Mit tausend Freuden und Dank nehme
ich Deine Einladung an; ich reise übermorgen Dienstag Abend ab, treffe also – das
neue Coursbuch ist noch nicht erschienen – muthmaßlich Mittwoch Mittags in Wiesbaden
ein, wo ich, wenn nichts Unerwartetes da zwischen kommt, wenigstens vier und zwanzig
Stunden Deiner Behelligung widmen kann. Jetzt ist kein Geheimniß mehr daraus zu
machen und ich habe meine Freude über den Einfall Dich zu besuchen schon vielseitigst
ausgelaßen. – Meine vorgestrige Soirée war von sehr entscheidendem Erfolge für mich –
ich hatte so Durchgreifendes und für die Zukunft Garantirendes in Berlin nicht
erwartet. Die Schillerstiftung bekommt gegen 350 reine Einnahme. Ich kann es mir
nicht versagen, Dir den schriftlichen d. h. gedruckten Beleg einzusenden, daß ich
Dein Scherzo gespielt. Die Wirkung war vollkommen befriedigend für das Werk und die
Ausführung; eigentlich hat es fast noch mehr eingeschlagen wie die Metamorphosen,
über die die Neue Berliner Musikzeitung, das Echo, Glasbrenner’s Berlin und die
ministerielle preuss. Zeitung höchst anerkennend geschrieben haben. Doch da Dir das
mit Fug und Recht indifferent ist, habe ich die Berliner Schnitzel an den damit zu
beglückenden Verleger, der hoffentlich auch Deine Tanzcapricen von dem Épicier Bahn
an sich bringen wird, eingesandt. Alles Übrige mündlich. Ich habe den Kopf gar nicht
beisammen in diesen Tagen – verzeih das elende Gekritzel. – äMeine ergebensten
Empfehlungen an Deine Frau Gemahlin. Meine Frau grüsst herzlich. Frl. Emilie Genast
hatte versprochen zur gestrigen Soirée zurück zu sein, hat aber nicht Wort gehalten;
ihr neulicher Aufenthalt fiel gerade in die traurigste Zeit, ich habe sie nur
flüchtig sehen können. Leb wohl bis in Kurzem. Sehr in Eile Dein herzlich ergebener
Berlin, 8 Januar 1860. HansvBülowå