Verehrter freund, meine Antwort auf Deine letzten Zeilen, die ich Dich bitte, so weit
sie auf einer falschen Voraussetzung über meine Gesinnungen gegen Dich beruhen,
zurückzunehmen, hat auf sich warten laßen. Ein trüber Besuch kam dazwischen, der Tod,
aber nicht in seiner christlichen Mißgestalt sondern als griechischer Jüngling mit
ausgelöschter Fackel. – Mein lieber Bruder Daniel Liszt ist an letztem Dienstag
Abends 11 Uhr 20 Minuten sanft entschlafen ohne Todeskampf mit vollem Bewußtsein
nicht seines Todes sondern seines Lebens. Sein Vater traf wie von einer Ahnung
ergriffen Montag früh ein; Sonntag Abend während meines Conzertes war die
entscheidende Krisis. Seine Krankheit liess sich nicht benennen; es war Abzehrung,
allmäliges Erlöschen – seine Lebenskraft hatte eben nur für zwanzig Jahre
ausgereicht. Am 20 August traf er leidend bei uns ein und seine letzten Tage sind ihm
durch die liebevolle einzige Pflege meiner starken Frau auf die edelste Weise erhellt
worden. Liszt ist ruhig gefasst aber leidet sehr. Bis übermorgen bleibt er noch bei
uns. – Deine „Metamorphosen“ hatte ich längst vor Schuberth’s „Anempfehlung“ auf mein
Programm der zweiten Soirée gesetzt, wie das Scherzo auf das der dritten. Allen
Musikern hat das Stück ungemein gefallen. Einige Press esel wie Rellstab schimpfen
selbstverständlich. Andere wie Engel, der beifolgt haben sich anständig benommen.
Mein Vortrag hätte Dir genügt – ich habe das Solo mit viel Liebe einstudirt. Der
äusserliche Beifall nebst Hervorruf war verdient. Nun kurz ein für allemal meine
Protestation: der Künstler läßt sich nicht durch den Kaufmann an seine künstlerische
Pflichten erinnern. Seit geraumer Zeit wirst Du im Conservatorium, wo es zu meiner
Freude sehr glücklich vorwärts geht – es sind jetzt wirkliche Erziehungsresultate
vorhanden – und von meinen Privatschülern sehr fleissig gespielt. Die kleinen Stücke
Op. 75 – die Tanzcapricen (Trautwein) die Wagner-Transcriptionen (Schlesinger) –
Frühlingsboten – Capriccio Op. 64 – die Suiten müßen jetzt in jeder hiesigen
Musikhandlung doppelt und dreifach vorhanden sein. Indem ich Schuberth gedrängt habe,
Frühlingsboten Suiten u. s. w. anzukaufen, glaube ich mir einen Anspruch auf
Anerkennung meiner Pflichterfüllung, nicht auf Deine spezielle Dankbarkeit erworben
zu haben. – In der dritten Soirée der Herren Becker u. Oertling hier kommt die
Eklogue „aus der Schweiz“ zur Aufführung (Mitte Januar). – Deine Violinsonate werde
ich in Paris spielen – Laub ist auf Ur Laub und hat sich so dumm und pappig gegen
mich benommen, daß ich nicht mehr mit ihm spielen mag. Meine Schillersoiréen, die ich
allein i. e. viribus unitis, was ich übersetze mit „ohne fremde Mitwirkung“ gebe sind
um das Dreifache mehr besucht als die früheren Duo- u. Trio soiréen. Nächstens
behellige ich Dich mit einigen neueren Produkten meiner dürftigen Muße. Vielleicht
bin ich im Stande auf der Reise nach Paris Dich in Wiesbaden auf einen halben Tag
heimzusuchen. äIch reise am 11 Januar etwa von hier ab, muß in Carlsruhe aussteigen
und am 14ten Abends Probe in Basel halten, wo ich für den 15ten eingeladen bin. Heute
reicht die Zeit nicht weiter. Lebe wohl, empfiehl mich Deiner verehrten Frau, grüße
den guten Schreiber und gedenke meiner nur halb so freundschaftlich wie Deiner
gedenkt Dein alt ergebener Berlin, 16 Dez. 1859. HansvBülow P.S. Sage nichts von
meinem wahrscheinlichen Besuch. Anhaltstrasse 11. Deine Adresse? å ◊1Von Truhn
(Bocksche Zeitung u. Glasbrenner’s Berlin ) sowie v. Kossak erwarte ich Anständiges
über die Metamorphosen. Nationalzeitung schweigt bei mir consequent!