Verehrter freund, es würde mir sehr leid thun, wenn Du in der Verzögerung meines
freudigen Dankes für Deine neuliche Sendung eine Lauheit oder Indifferenz gegen Deine
künstlerische Bedeutung von meiner Seite erblicktest. Dem ist nicht der Fall – meine
aufrichtige Bewunderung Deines Wißens und Könnens ist nicht eingeschlummert; ich
hoffe derselben in nicht allzu langer Frist möglichst reichlichen Ausdruck zu geben.
Zur Entschuldigung meines bisherigen Schweigens kann ich allerdings nur das
allertrivialste Motiv anführen: ich hatte wirklich keine Zeit dazu. Der Winter war
diesmal so bewegt wie noch nie, übrigens nicht blos stürmischer, sondern auch
erfolgreicher. Im vorigen Jahre gab ich ein Orchesterconzert – dieses Jahr haben zwei
stattgefunden; das nächste kommen drei und in einem derselben habe ich mir fest
vorgenommen Deine große Sinfonie zur Aufführung zu bringen. Wenn ich bisher nur als
Claviermeister Propaganda für Dich gemacht, so darfst Du mir das nicht verargen; Die
Alten gehen vor; zudem wirst Du hier auf weit geringere Opposition stoßen, als /z.
b.\ Berlioz – Liszt zu geschweigen. Deine Sache preßirt also nicht so sehr. Mit der
Liebesfee bin ich übrigens vorgegangen. Strauß, ein sehr anständiger Kerl u. Künstler
mochte anfangs nicht, hatte aber doch so große Lust in meinem Conzerte zu spielen,
daß er sich die Pistole auf die Brust setzen ließ, als ich ihm erklärte, ich könne
eine accreditirte Violinistennummer durchaus nicht brauchen. Guter Erfolg – bekannt.
Deine Sonate hat uns viel Gaudium gemacht; höchst intereßant und frisch. Aber die
erste gefällt uns doch beßer. Es versteht sich von selbst, daß ich beide seiner Zeit
eifrig spielen werde, nach bestem Vermögen. Erlaube mir, das Werk noch nach Prag
mitzunehmen, wohin ich morgen abreise, um das Conzert vom 12 März zum Besten der
Mediziner zu dirigiren (sic!) – „reine“ Zukunftsmusik. Hier in Berlin habe ich keinen
Augenblick Zeit gefunden, die Schreibfehler, als vergeßene ’e und ’e und ’e aus der
Clavierparthie hinauszucorrigieren. Dagegen hat sich Strauß seiner Aufgabe betreffs
der Violinstimme entledigt, einige Fingersätze und Strichweisen zunotirt. Von Prag
aus sende ich Dir das Heft jedenfalls zurück. Daß die Sonate in Wien Furore machen
wird, bezweifelt Strauß ebenso wenig als daß Hellmesberger selbige bedeutend
patronisiren wird. Für die Geige soll’s übrigens von Schwierigkeiten wimmeln,
namentlich im Scherzo. Die Stücke, welche Du die Güte gehabt, mir zu dediziren, habe
ich leider noch nicht zugesandt erhalten, auch in den Musikhandlungen noch nicht
vorräthig getroffen. Hoffentlich komme ich dazu, sie mir noch auf dem Wege nach Paris
ins Gedächtniß und dann in die Finger zu bringen. Die Violinsonate (Emoll) spielen
wir jedenfalls in den Triosoiréen nächster Saison – auch die Emoll-Suite gedenke ich
mir bis dahin einzustudiren. Zu Deiner Verheirathung, deren Anzeige ich unterdeßen
gelesen habe, meinen aufrichtigsten Glückwunsch und meine hochachtungsvollste
Empfehlung Deiner Frau Gemahlin. Ich habe Dir meinen guten Willen gezeigt, einen
Brief an Dich anzufangen. Die Vorbereitungen zur Abreise gewähren mir nicht die
Freiheit, ihn zu beendigen. Betrachte diese Zeilen also nur als eine dankende
Empfangsbescheinigung Deiner intereßanten Musikmittheilung. Lebe wohl und erinnere
Dich gelegentlich wieder freundlichst Deines Dir sehr ergebenen Bewunderers. äBerlin,
7 März 1859. Hans vBülow.å [copyright Simon Kannenberg]