◊1Ich bin Dir dankbar, mir die drei Claviersoli, die mir Liszt ohne weiteren Auftrag,
sie Dir zu einer bestimmten Zeit zurückzusenden, vor Jahr u. Tag übergeben hat, so
lange anvertraut zu haben. Ich hätte die Metamorphosen oder das Scherzo gern im
zweiten Cyclus unserer Triosoiréen, von deren erstem ich Dir das Programm beifüge,
vorgetragen, um so mehr, als dieselben bei meinen Freunden u. Bekannten, Lührss,
Bargiel u. s. w. außerordentliches Intereße erweckt. Entschuldige daß ich das sofort
nicht buchstäblich habe erfüllen können: ich war über die Ohren beschäftigt, habe an
drei Tagen der vorigen Woche öffentlich spielen müßen. Heute ist unsere erste Trio
soirée; da will ich vorerst die alte Schuld bezahlen. Wenn die Violinsonate gedruckt
sein sollte, so bitte ich Dich mich davon zu avertiren; Laub und ich möchten die
Ausführung wiederholen. Desgl. würde der Pièce für Piano und Cello jetzt Gelegenheit
werden können, vorgeführt zu werden. Hätte ich eine Ahnung gehabt, daß ich bei der
Rückreise von Baden in Mainz am „lendemain“ der ersten Aufführung des Alfred in
Wiesbaden eintreffen würde, ich hätte es eingerichtet, dahin zu kommen. Es thut mir
meinetwegen sehr leid. Kurios ist übrigens die Art u. Weise wie Du mit mir stehen
willst; Du siehst mich wie es scheint, für ein Riehlsches Charakterköpfchen an, für
einen einseitig Besessenen. Vielleicht kennst Du mich einmal beßer. Nach meiner
Meinung ist zwischen allen ehrlich Ringenden eine unsichtbare Kette, die über dem
Ableugnen schwebt. Ich würde Dir mehr schreiben, wenn ich nicht sehr leidend wäre und
wie gesagt bis über die Ohren in unleidlichen Beschäftigungen stäke. Übrigens bin ich
ein Liebhaber weder von Aal, noch von jener Gattung desselben die im Moore lebt. Und
wenn es mir auch z. B. leid thut, dass Peter vor seinem Tode nicht Neapel gesehen
hat, so gehören dergleichen Gefühlszärtlichkeiten bei mir zu Ausnahmefällen. Der
aufrichtige Bewunderer u. Verehrer Deines Geistes, Deiner Energie, Deiner rastlosen
Thätigkeit und Dir, wo es möglich, ganz ergebene Mensch äBerlin Hans vBülow. 25 Nov.
1856 Adr: Eichhornstrasse 10.å ◊2Übrigens schlage ich Dir vor, mich einmal mit einem
Rescript wieder zu beehren und erlaube mir, Dir in Erinnerung zu bringen, daß wir uns
seit zehn Jahren kennen und beide quasi Deutsche sind. [Copyright Simon Kannenberg]