Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: St. Gallen
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 12. Februar 1851 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 5
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund!
Die heutigen Zeilen haben nur die Bestimmung das Gesuch Ihres Bruders Kaspar
Veröffentlichung: Bülow 1895, S. 300f., Kannenberg 2020

Setzt sich beim E. für dessen Bruder Kaspar ein. Berichtet von seiner Flucht zu Richard Wagner. Sein Verhältnis in Zürich habe sich bald gelöst. Franz Abt habe mit seiner "Hauptfeindin" Rauch-Wernau, deren Mann er herausfordern musste, unter einer Decke gesteckt. Konnte nicht als Sünder zur Mutter zurück und habe daher einen Engagementsantrag des Theaterdirektors in St. Gallen angenommen. Beschreibt Stelle. Will sich bald mit Mutter aussöhnen. Wolle im Sommer in Weimar unter der Leitung des E.s und Liszts die musikalische Ausbildung vorantreiben. Habe nach einem Konzert im hiesigen Theater den Bruder des E.s kennengelernt, der um Klavierunterricht gebeten habe. Bescheinigt diesem Talent und Verstand, dieser spiele Trompete und Violine, könne sich nicht zum Lehrer ausbilden und wolle weg, auch wegen Militärpflichtigkeit in Württemberg. Dieser hoffe auf die Brüderlichkeit des Komponisten des "König Alfred". Habe die Aufträge in Stuttgart besorgt. Glogau sei verreist. Kunigunde Heinrich habe dem E. wohl geschrieben.

Verehrter Freund! Die heutigen Zeilen haben nur die Bestimmung das Gesuch Ihres Bruders Kaspar einigermaßen zu befürworten oder Ihnen ans Herz zu legen, wenn mir dies möglich sein sollte, – nicht die, mein unverzeihliches Stillschweigen einem Manne gegenüber, dem ich für sein freundliches Interesse bezüglich meiner unbedeutenden Person alle Ursache hätte, dankbar zu sein, zu entschuldigen oder etwa wieder gut zu machen. Was mir unterdessen begegnet ist, werden Sie bereits erfahren haben, ämeine Flucht von meinem Vater zu R. W. nach Zürich – per pedes natürlich – die Veranlassung dazu, den Widerwillen meiner Mutter gegen das Einschlagen einer musikalischen Carrière oder was zu dem Zeitpunkte dasselbe war, ihre heftige Antipathie gegen Wagner und seine persönliche Leitung meiner praktischen Studien, Dirigirübungen. In Zürich löste sich das Verhältniß bald; durch Wagners persönliche vortreffliche Direktion übermüthig gemacht wurde gegen mich den unroutinirten Anfänger so lange cabalisirt und intriguirt bis W. sowohl als ich es satt bekamen und ich, dessen Fell noch nicht die gehörige Dicke erlangt hatte, meine Entlassung nahm. Ihr lieber Franz Abt stak übrigens unter einer Decke mit meiner Hauptfeindin der Sängerin Rauch-Wernau, deren Mann ich herauszufordern genöthigt war, der sich aber ebenso wie \noch/ im ähnlichen Falle ein gleiches Subjekt dadurch nicht aus der Fassung bringen ließ, d. h. fortfuhr mir Gemeinheiten zu machen. Ich bekam einen heillosen Ekel vor dem Umgang mit dieser Sorte Menschen – doch da ich nicht wußte, was ich jetzt anfangen sollte, und aus Noth nicht als reuiger Sünder, der ich auch jetzt noch nicht bin, zu meiner Mutter zurückkehren konnte, so nahm ich einen Engagementsantrag des Theaterdirektors in St. Gallen an, der mir nach der Lösung des Zürcher Verhältnisses sogleich zukam. Hier bin ich im Ganzen mit meiner Lage zufrieden, ich muß zwar ein Dilettantenorchester dirigiren und die Chöre selbst einstudieren, und war im Anfange sehr empört über die Niederträchtigkeit der Aufführungen der Opern Regimentstochter, Nachtlager, Waffenschmied und Freischütz (letzteren habe ich noch am besten hergestellt) doch nach und nach bin ich ruhiger geworden. Die Leute mit denen ich hier zu thun habe, sind übrigens von weit besserem Schlage als die Zürcher, gescheuter und intelligenter. – Die Versöhnung mit meiner Mutter ist mir mehr und mehr Bedürfniß geworden – zu Ostern will ich in der Weise ihr nachgeben, daß \ich/ mich von Wagner für den Moment ganz entferne und da scheint mir kein Aufenthalt besser und günstiger als der in Weimar wo ich mir unter Ihrer und Liszts Leitung die fehlende musikalische Aus- und Durchbildung während des Sommers erwerben könnte.å In einem Conzert im hiesigen Theater zu wohlthätigem Zwecke habe ich gleich nach meiner Ankunft gespielt und zwar mit mir unerhörtem Beifall. Tags darauf tritt ein junger Mensch zu mir herein, der mich unbewußt durch seine fabelhafte Ähnlichkeit mit Ihnen frappirt. Er bat mich ihm Klavierunterricht zu geben, wozu ich freilich keine Zeit hatte, doch habe ich mich öfters mit ihm beschäftigt. Er ist voller Talent und Verstand war mir auch bei der Oper von Nutzen da er bald abwechselnd Trompete blies und Violine spielte, so daß gar nicht daran zu zweifeln ist, er habe, soweit ich über mich, bei dem diese Frage auch noch sehr offen ist, hierin urtheilscompetent erachten darf, entschieden Befähigung zum Musiker, sobald er unter eine umsichtige, tüchtige Leitung kömmt. äZum Lehrer kann und mag er sich nicht ausbilden, das ist zu prekär, meint er und er soll Recht haben. Auch wegen seiner Militärpflichtigkeit in Würtemberg – hierin verstehe ich ihn nicht recht – hat er sich entschlossen, von hier fortzugehen. Er hat vor 3 Wochen seinen Austritt aus dem katholischen Lehrerseminar genommen und nach anderweitigen Erkundigungen erfahre ich daß man daselbst durchaus keine Klage über ihn zu führen Gelegenheit gehabt hat. Kaspar Raff hat die feste Überzeugung, nichts hier lernen zu können vielleicht sogar verlernt zu haben.å Seine einzige Hoffnung beruht auf der Brüderlichkeit des Componisten des Alfred. Sie wissen selbst, wie viel Sie nützen können und ob es angeht, daß Sie Ihren Bruder nach Weimar kommen lassen – und ohne mir irgend einen Einfluß auf Ihr Urtheil anmaßen oder zutrauen zu wollen, glaube ich doch, Sie würden mit der Erfüllung der Bitte Ihres Herrn Bruders kein schlechtes Werk vollbringen. äIhre Aufträge in Stuttgart habe ich besorgt. Glogau war verreist. Die Heinrich hat Ihnen wohl geschrieben. Für heute leben Sie recht wohl. An Liszt werde ich mir nächstens erlauben, zu schreiben; ich lege dann ein Paar Zeilen für Sie ein. In Eile. Ihr ganz ergebener HGvBülow. St. Gallen, 12. Febr. 1851.å [Copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (12. 2. 1851); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 22. 4 2026.