Verehrter Freund! Die heutigen Zeilen haben nur die Bestimmung das Gesuch Ihres
Bruders Kaspar einigermaßen zu befürworten oder Ihnen ans Herz zu legen, wenn mir
dies möglich sein sollte, – nicht die, mein unverzeihliches Stillschweigen einem
Manne gegenüber, dem ich für sein freundliches Interesse bezüglich meiner
unbedeutenden Person alle Ursache hätte, dankbar zu sein, zu entschuldigen oder etwa
wieder gut zu machen. Was mir unterdessen begegnet ist, werden Sie bereits erfahren
haben, ämeine Flucht von meinem Vater zu R. W. nach Zürich – per pedes natürlich –
die Veranlassung dazu, den Widerwillen meiner Mutter gegen das Einschlagen einer
musikalischen Carrière oder was zu dem Zeitpunkte dasselbe war, ihre heftige
Antipathie gegen Wagner und seine persönliche Leitung meiner praktischen Studien,
Dirigirübungen. In Zürich löste sich das Verhältniß bald; durch Wagners persönliche
vortreffliche Direktion übermüthig gemacht wurde gegen mich den unroutinirten
Anfänger so lange cabalisirt und intriguirt bis W. sowohl als ich es satt bekamen und
ich, dessen Fell noch nicht die gehörige Dicke erlangt hatte, meine Entlassung nahm.
Ihr lieber Franz Abt stak übrigens unter einer Decke mit meiner Hauptfeindin der
Sängerin Rauch-Wernau, deren Mann ich herauszufordern genöthigt war, der sich aber
ebenso wie \noch/ im ähnlichen Falle ein gleiches Subjekt dadurch nicht aus der
Fassung bringen ließ, d. h. fortfuhr mir Gemeinheiten zu machen. Ich bekam einen
heillosen Ekel vor dem Umgang mit dieser Sorte Menschen – doch da ich nicht wußte,
was ich jetzt anfangen sollte, und aus Noth nicht als reuiger Sünder, der ich auch
jetzt noch nicht bin, zu meiner Mutter zurückkehren konnte, so nahm ich einen
Engagementsantrag des Theaterdirektors in St. Gallen an, der mir nach der Lösung des
Zürcher Verhältnisses sogleich zukam. Hier bin ich im Ganzen mit meiner Lage
zufrieden, ich muß zwar ein Dilettantenorchester dirigiren und die Chöre selbst
einstudieren, und war im Anfange sehr empört über die Niederträchtigkeit der
Aufführungen der Opern Regimentstochter, Nachtlager, Waffenschmied und Freischütz
(letzteren habe ich noch am besten hergestellt) doch nach und nach bin ich ruhiger
geworden. Die Leute mit denen ich hier zu thun habe, sind übrigens von weit besserem
Schlage als die Zürcher, gescheuter und intelligenter. – Die Versöhnung mit meiner
Mutter ist mir mehr und mehr Bedürfniß geworden – zu Ostern will ich in der Weise ihr
nachgeben, daß \ich/ mich von Wagner für den Moment ganz entferne und da scheint mir
kein Aufenthalt besser und günstiger als der in Weimar wo ich mir unter Ihrer und
Liszts Leitung die fehlende musikalische Aus- und Durchbildung während des Sommers
erwerben könnte.å In einem Conzert im hiesigen Theater zu wohlthätigem Zwecke habe
ich gleich nach meiner Ankunft gespielt und zwar mit mir unerhörtem Beifall. Tags
darauf tritt ein junger Mensch zu mir herein, der mich unbewußt durch seine
fabelhafte Ähnlichkeit mit Ihnen frappirt. Er bat mich ihm Klavierunterricht zu
geben, wozu ich freilich keine Zeit hatte, doch habe ich mich öfters mit ihm
beschäftigt. Er ist voller Talent und Verstand war mir auch bei der Oper von Nutzen
da er bald abwechselnd Trompete blies und Violine spielte, so daß gar nicht daran zu
zweifeln ist, er habe, soweit ich über mich, bei dem diese Frage auch noch sehr offen
ist, hierin urtheilscompetent erachten darf, entschieden Befähigung zum Musiker,
sobald er unter eine umsichtige, tüchtige Leitung kömmt. äZum Lehrer kann und mag er
sich nicht ausbilden, das ist zu prekär, meint er und er soll Recht haben. Auch wegen
seiner Militärpflichtigkeit in Würtemberg – hierin verstehe ich ihn nicht recht – hat
er sich entschlossen, von hier fortzugehen. Er hat vor 3 Wochen seinen Austritt aus
dem katholischen Lehrerseminar genommen und nach anderweitigen Erkundigungen erfahre
ich daß man daselbst durchaus keine Klage über ihn zu führen Gelegenheit gehabt hat.
Kaspar Raff hat die feste Überzeugung, nichts hier lernen zu können vielleicht sogar
verlernt zu haben.å Seine einzige Hoffnung beruht auf der Brüderlichkeit des
Componisten des Alfred. Sie wissen selbst, wie viel Sie nützen können und ob es
angeht, daß Sie Ihren Bruder nach Weimar kommen lassen – und ohne mir irgend einen
Einfluß auf Ihr Urtheil anmaßen oder zutrauen zu wollen, glaube ich doch, Sie würden
mit der Erfüllung der Bitte Ihres Herrn Bruders kein schlechtes Werk vollbringen.
äIhre Aufträge in Stuttgart habe ich besorgt. Glogau war verreist. Die Heinrich hat
Ihnen wohl geschrieben. Für heute leben Sie recht wohl. An Liszt werde ich mir
nächstens erlauben, zu schreiben; ich lege dann ein Paar Zeilen für Sie ein. In Eile.
Ihr ganz ergebener HGvBülow. St. Gallen, 12. Febr. 1851.å [Copyright Simon
Kannenberg]