Leipzig, 28 Januar 1849 Lieber Herr Raff! Ich müßte eigentlich nothwendiger Weise
diese Zeilen mit einer Entschuldigung beginnen, da diese aber im Verhältniß zu meiner
Nachlässigkeit endlos sein \würde/ müßte, unterlasse ich es lieber indem ich sehr
stark auf Ihre freundlichste Nachsicht rechne. Dagegen spreche ich Ihnen hiermit den
schönsten Dank für Ihren Brief aus, der mich sehr erfreut hat, und von mir in
Gedanken bereits oft beantwortet worden ist (wovon Sie freilich nichts gesehen haben)
und für die spätere musikalische Zusendung. Ich habe mich sehr gefreut über die
entschiedenen Fortschritte, welches◊1 das klavierspielende Stuttgart seit meiner
Abwesenheit gemacht und ich wäre sehr begierig einmal Ihre Don Juan- und
Barbierfantasie dort vortragen zu hören, aus denen ich auf ersteren Satz schließen zu
müssen geglaubt habe. Doch ich zweifle gar nicht daß Madame Heinrich’s rastloser
Eifer es endlich dahin gebracht hat. Die Barbierfantasie hat mir am besten gefallen
von den dreien, welche Sie mir gütigst zugesendet; ich spiele sie mit viel Vergnügen;
durch die reizende Paraphrase habe ich die mir ursprünglich, wie Sie wissen, nicht
besonders werthen Motive fast lieb gewonnen. Das Leben was ich hier führe ist
eigentlich mehr das eines Musterphilisters als das eines Studenten. Das Corpsleben
mit seiner Organisation der Rohheit und Liederlichkeit und der äschändlichenå
politischen Gesinnung seiner Mitglieder, hat mich, wie Sie Sich vorstellen können,
ganz und gar nicht angelockt; dagegen wäre ich sehr gern in eine recht radikale
Burschenschaft getreten, wenn ich nicht dadurch zu großen Anstoß bei meiner Mutter
und bei meinen Verwandten, bei denen ich hier im Hause wohne, hätte erregen können.
Die göttliche Szene, welche am 1ten Januar vorigen Jahres im Marquarschen Café Abends
passirte, hat somit keine zweite Auflage erlebt – ja, denken Sie Sich ich habe noch
nie mit Commilitonen, sondern stets zu Hause „en famille“ geknippen. Um mich ein
wenig für die Beschränkung meiner Freiheit, die mir hier von meinen Verwandten zu
Theil wird, habe zu entschädigen, habe ich mich viel mit mündlicher und schriftlicher
Wühlerei abgegeben zu welcher letzteren namentlich in Leipzig sich alle Tage neue
Gelegenheit darbietet. Das eigentliche juristische Studium habe ich erst in diesem
Wintersemester mit der deutschen Rechtsgeschichte begonnen, welche unser
bedeutendster Professor – Albrecht, der diesen Sommer in der Paulskirche saß, nun
aber da, wohin er gehört, zurückgekehrt ist – woran sich, beiläufig, viele Andere ein
Beispiel nehmen möchten – vorträgt. Außerdem habe ich viel Vorlesungen über
Philosophie besucht, die übrigens hier schlecht vertreten ist. Zwei Herbarthianer,
ein – selbstständiger – Naturphilosoph und ein Hegelianer. Ich habe natürlich blos
die beiden letzteren gehört und muß gestehen, daß mir das Hegelsche System sehr
zusagt freilich mit allen den Consequenzen, welche z. B. Feuerbach daraus abgeleitet.
Doch ich will Sie weiter nicht mit der Erzählung aller meiner Studien in dieser
Beziehung langweilen. Daß ich bei Hauptmann doppelten Contrapunkt studire, habe ich
Ihnen wohl schon früher mitgetheilt, so wie daß ich mit seinem gleichwohl etwas
trockenem Unterrichte zufrieden bin. Nach der Composition einer äußerst unpraktischen
und in keiner Hinsicht erfreulichen Sonate habe ich ein Quartett für
Streichinstrumente komponirt, das ich für gelungener erachte. Wenn Sie erlauben,
schicke ich Ihnen gelegentlich eine Abschrift davon – . Denn es liegt mir sehr viel
\daran/, ein Urtheil aus Ihrem Munde darüber zu vernehmen. Die „Civilisation und
Musik“ von Th. Hagen habe ich kürzlich gelesen, nachdem ich von dessen guter
Gesinnung durch eine Adresse an Ruge überzeugt war. Ich kann mich allerdings mit dem
Ganzen gar nicht besonders einverstanden erklären (ich bin auch in Bezug auf Musik zu
aristokratisch gesinnt – wenn auch nicht in dem gewöhnlichen Sinne dieses Wortes d.
h. nicht exclusiv.) Doch finde ich einzelne Bemerkungen darin ganz treffend und
richtig. Daß Herr von Lepel auch von den Märzerrungenschaften profitiren würde, hatte
ich allerdings nicht erwartet. Mein Vater der sich seit drei Monaten das Narrenfest
in Frankfurt ansieht, hat ihn kürzlich dort getroffen; es soll ihm, nach seinem
Äußeren zu urtheilen, recht gut gegangen sein. Die Erfolge von Herrn Glogau freuen
mich außerordentlich. äIch bitte Sie, ihn vielmals von mir zu grüßen.å Wie sehr
bedaure ich, nicht wie früher, bei der allmäligen Vollendung der einzelnen Nummern
Ihrer Oper gegenwärtig sein zu können! Überhaupt möchte ich sehr gern etwas von Ihren
neuen Compositionen zu Gesicht bekommen. Wenn es nicht zu unbescheiden ist, so wage
ich Sie darum zu bitten, mir gelegentlich zu schreiben, was Sie neues komponirt
haben, wo es erschienen und wie ich es mir verschaffen kann. In den
Abonnementconzerten dieses Winters waren zum Theil recht interessante Sachen geboten.
Von Neuigkeiten hörte ich die 8te Symphonie von Spohr (G dur) eine Musik die sich
ohne viel geistige Anstrengung bequem einmal anhören läßt. Einige hübsche Stellen
wenn auch nicht neu waren darin zu finden; nur das lange Trio vom Scherzo mit einem
Violinsolo war fast widerlich zu nennen. Eine neue Symphonie von dem hiesigen David
nach dem Gedicht von Göthe: [„]verschiedene Empfindungen an einem Platze“ war sehr
unbedeutend, voll Reminiscenzen, ohne Kern, aber ganz elegant und mit Geschick
zusammengeschrieben. Die Sinfonie No 3 von Gade ist für mich ein sehr interessantes
Werk. Der Componist ist in Kopenhagen und schreibt gegenwärtig an einer Oper. Sein
neues Octett oder Doppelquartett ist zwar gut gearbeitet, aber viel schwächer,
matter, gewöhnlicher als seine übrigen Werke. Auch kann ich mich mit dieser
Instrumentirung nicht befreunden – es tritt der Mangel eines Grundbasses sehr fühlbar
hervor, den das Eine Violoncell – das andere ist meist in den Mittelstimmen
beschäftigt, nicht ersetzen kann. Ich finde dasselbe bei dem Mendelssohnschen Octett,
das kürzlich in Dresden gespielt wurde. Schumanns und die Schröder-Devrient, welche
in Dresden sehr besuchte Soiréen veranstalten, waren vorige Woche hier und ließen
viel Musik hören. Die Devrient sang nach dem Urtheile derer, die sie von früher
kennen, wie nur in ihrer besten Zeit – eine Szene und Arie aus Orpheus prachtvoll und
eine Unmasse Schubertscher abgedroschener Lieder mit vielen nicht immer schönen
Effekthaschereien. So sang sie in dem bekannten: [„]Am Meer“ von Heine die Stelle:
„die Möve flog hin und wieder[“] etwas allzudramatisch . ferner: „verrrrgiftet“ u. s.
w. Die Schumann spielte wie immer sehr schön (das fürchterliche Jagen abgerechnet);
ich ziehe sie Moscheles weit vor, \an/ dessen altmodig modernisirtem Spiel die Leute
„effectiv“ keinen Geschmack finden können. Mein Vater wünschte früher mir bei ihm
Unterricht geben zu lassen hat es aber auf das Abrathen von Md Schumann die meinte,
er könne mir nichts nützen, aufgegeben. Morgen bringt Moscheles seine Tochter nach
London und wird von da schwerlich vor Ostern zurückkehren. Die Oper ist leidlich
bestellt; nur das Orchester spielt im Theater über alle Massen nachlässig und
inkorekkt [!]. Rietz’s Abjagen der Tempi ist auch sehr unerfreulich. Von Neuigkeiten
waren „die Belagerung von Belgrad“ (Lärmen und viel Arbeit um nichts d. h. um keine
Ideen, wenigstens nicht eigne) von Jul. Becker (zweimal aufgeführt und nicht wieder)
und die „Ruine von Tharand“ von Heinze in Breslau, 1mal aufgeführt hat noch weniger
angesprochen als erstere Oper. Die Texte beider sind auch musterhaft schlecht. – Doch
etwas sehr Interessantes steht uns nächsten Monat bevor „Schumanns Genovefa“ über die
ich Ihnen bei einer Fortsetzung dieses Briefes berichten will. Für heute muß ich, das
sehen Sie selbst, schließen. Mama und Isidore sind in Dresden und lassen Sie
tausendmal grüßen. Empfehlen Sie mich gütigst der Md. Heinrich und andren
musikalischen Größen in Stuttgart und seien Sie versichert der aufrichtigen Verehrung
und Ergebenheit Ihres H G v Bülow.