Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Leipzig
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 28. Januar 1849 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 3
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Lieber Herr Raff!
Ich müßte eigentlich nothwendiger Weise diese Zeilen mit einer Entschuldigung beginnen
Veröffentlichung: Bülow 1895, S 14ff.; Marty 2014, S. 90-92: Kannenberg 2020.

Möchte gerne "Don Juan" [op. 45] und "Barbierfantasie" [op. 44] in Stuttgart vorgetragen hören. Präferiere die Barbierfantasie. Erzählt vom studentischen Leben. Wäre gerne in eine radikale Burschenschaft eingetreten, hätte aber bei seiner Mutter und der Verwandschaft Anstoss erregt. Berichtet von Vorlesungen in Rechtsgeschichte (Albrecht), zwei Herbartianern und einem Hegelianer. Schätzt das Hegel'sche System mit den Konsequenzen von Feuerbach. Kompositionsunterricht bei Hauptmann (doppelter Kontrapunkt). Habe eine Sonate und ein Streichquartett komponiert. Habe "Civilisation und Musik" von Theodor Hagen gelesen. Freut sich über "Adresse" an Ruge, könne sich mit dem Buch aber nicht besonders einverstanden erklären. Habe nicht erwartet, dass Herr von Lepel von den Märzerrungenschaften profitieren werde. Sein Vater sehe sich das Narrenfest in Frankfurt an. Freut sich über die Erfolge von Glogau. Erbittet neue Kompositionen des E.s. Berichtet aus dem Leipziger Musikleben: Abonnementskonzerte (z.B. 8. Sinfonie von Spohr, von David (über Goethe), Gade, Mendelssohn. Schumanns und Schröder-Devrient zu Besuch, letztere sang aus "Orpheus" sowie eine "Unmasse Schubertscher abgedroschener Lieder". Ziehe Clara Schumann Moscheles vor. Dieser bringe morgen seine Tochter nach London. Die Oper sei leidlich, Rietz jage die Tempi ab, "Die Belagerung von Belgrad" von Julius Becker, die "Ruine von Tharand" von Heinze in Breslau. Schumanns "Genoveva" werde im nächsten Monat gegeben. Mama und Isidore seien in Dresden. Empfehlungen an Kunigunde Heinrich.

Leipzig, 28 Januar 1849 Lieber Herr Raff! Ich müßte eigentlich nothwendiger Weise diese Zeilen mit einer Entschuldigung beginnen, da diese aber im Verhältniß zu meiner Nachlässigkeit endlos sein \würde/ müßte, unterlasse ich es lieber indem ich sehr stark auf Ihre freundlichste Nachsicht rechne. Dagegen spreche ich Ihnen hiermit den schönsten Dank für Ihren Brief aus, der mich sehr erfreut hat, und von mir in Gedanken bereits oft beantwortet worden ist (wovon Sie freilich nichts gesehen haben) und für die spätere musikalische Zusendung. Ich habe mich sehr gefreut über die entschiedenen Fortschritte, welches◊1 das klavierspielende Stuttgart seit meiner Abwesenheit gemacht und ich wäre sehr begierig einmal Ihre Don Juan- und Barbierfantasie dort vortragen zu hören, aus denen ich auf ersteren Satz schließen zu müssen geglaubt habe. Doch ich zweifle gar nicht daß Madame Heinrich’s rastloser Eifer es endlich dahin gebracht hat. Die Barbierfantasie hat mir am besten gefallen von den dreien, welche Sie mir gütigst zugesendet; ich spiele sie mit viel Vergnügen; durch die reizende Paraphrase habe ich die mir ursprünglich, wie Sie wissen, nicht besonders werthen Motive fast lieb gewonnen. Das Leben was ich hier führe ist eigentlich mehr das eines Musterphilisters als das eines Studenten. Das Corpsleben mit seiner Organisation der Rohheit und Liederlichkeit und der äschändlichenå politischen Gesinnung seiner Mitglieder, hat mich, wie Sie Sich vorstellen können, ganz und gar nicht angelockt; dagegen wäre ich sehr gern in eine recht radikale Burschenschaft getreten, wenn ich nicht dadurch zu großen Anstoß bei meiner Mutter und bei meinen Verwandten, bei denen ich hier im Hause wohne, hätte erregen können. Die göttliche Szene, welche am 1ten Januar vorigen Jahres im Marquarschen Café Abends passirte, hat somit keine zweite Auflage erlebt – ja, denken Sie Sich ich habe noch nie mit Commilitonen, sondern stets zu Hause „en famille“ geknippen. Um mich ein wenig für die Beschränkung meiner Freiheit, die mir hier von meinen Verwandten zu Theil wird, habe zu entschädigen, habe ich mich viel mit mündlicher und schriftlicher Wühlerei abgegeben zu welcher letzteren namentlich in Leipzig sich alle Tage neue Gelegenheit darbietet. Das eigentliche juristische Studium habe ich erst in diesem Wintersemester mit der deutschen Rechtsgeschichte begonnen, welche unser bedeutendster Professor – Albrecht, der diesen Sommer in der Paulskirche saß, nun aber da, wohin er gehört, zurückgekehrt ist – woran sich, beiläufig, viele Andere ein Beispiel nehmen möchten – vorträgt. Außerdem habe ich viel Vorlesungen über Philosophie besucht, die übrigens hier schlecht vertreten ist. Zwei Herbarthianer, ein – selbstständiger – Naturphilosoph und ein Hegelianer. Ich habe natürlich blos die beiden letzteren gehört und muß gestehen, daß mir das Hegelsche System sehr zusagt freilich mit allen den Consequenzen, welche z. B. Feuerbach daraus abgeleitet. Doch ich will Sie weiter nicht mit der Erzählung aller meiner Studien in dieser Beziehung langweilen. Daß ich bei Hauptmann doppelten Contrapunkt studire, habe ich Ihnen wohl schon früher mitgetheilt, so wie daß ich mit seinem gleichwohl etwas trockenem Unterrichte zufrieden bin. Nach der Composition einer äußerst unpraktischen und in keiner Hinsicht erfreulichen Sonate habe ich ein Quartett für Streichinstrumente komponirt, das ich für gelungener erachte. Wenn Sie erlauben, schicke ich Ihnen gelegentlich eine Abschrift davon – . Denn es liegt mir sehr viel \daran/, ein Urtheil aus Ihrem Munde darüber zu vernehmen. Die „Civilisation und Musik“ von Th. Hagen habe ich kürzlich gelesen, nachdem ich von dessen guter Gesinnung durch eine Adresse an Ruge überzeugt war. Ich kann mich allerdings mit dem Ganzen gar nicht besonders einverstanden erklären (ich bin auch in Bezug auf Musik zu aristokratisch gesinnt – wenn auch nicht in dem gewöhnlichen Sinne dieses Wortes d. h. nicht exclusiv.) Doch finde ich einzelne Bemerkungen darin ganz treffend und richtig. Daß Herr von Lepel auch von den Märzerrungenschaften profitiren würde, hatte ich allerdings nicht erwartet. Mein Vater der sich seit drei Monaten das Narrenfest in Frankfurt ansieht, hat ihn kürzlich dort getroffen; es soll ihm, nach seinem Äußeren zu urtheilen, recht gut gegangen sein. Die Erfolge von Herrn Glogau freuen mich außerordentlich. äIch bitte Sie, ihn vielmals von mir zu grüßen.å Wie sehr bedaure ich, nicht wie früher, bei der allmäligen Vollendung der einzelnen Nummern Ihrer Oper gegenwärtig sein zu können! Überhaupt möchte ich sehr gern etwas von Ihren neuen Compositionen zu Gesicht bekommen. Wenn es nicht zu unbescheiden ist, so wage ich Sie darum zu bitten, mir gelegentlich zu schreiben, was Sie neues komponirt haben, wo es erschienen und wie ich es mir verschaffen kann. In den Abonnementconzerten dieses Winters waren zum Theil recht interessante Sachen geboten. Von Neuigkeiten hörte ich die 8te Symphonie von Spohr (G dur) eine Musik die sich ohne viel geistige Anstrengung bequem einmal anhören läßt. Einige hübsche Stellen wenn auch nicht neu waren darin zu finden; nur das lange Trio vom Scherzo mit einem Violinsolo war fast widerlich zu nennen. Eine neue Symphonie von dem hiesigen David nach dem Gedicht von Göthe: [„]verschiedene Empfindungen an einem Platze“ war sehr unbedeutend, voll Reminiscenzen, ohne Kern, aber ganz elegant und mit Geschick zusammengeschrieben. Die Sinfonie No 3 von Gade ist für mich ein sehr interessantes Werk. Der Componist ist in Kopenhagen und schreibt gegenwärtig an einer Oper. Sein neues Octett oder Doppelquartett ist zwar gut gearbeitet, aber viel schwächer, matter, gewöhnlicher als seine übrigen Werke. Auch kann ich mich mit dieser Instrumentirung nicht befreunden – es tritt der Mangel eines Grundbasses sehr fühlbar hervor, den das Eine Violoncell – das andere ist meist in den Mittelstimmen beschäftigt, nicht ersetzen kann. Ich finde dasselbe bei dem Mendelssohnschen Octett, das kürzlich in Dresden gespielt wurde. Schumanns und die Schröder-Devrient, welche in Dresden sehr besuchte Soiréen veranstalten, waren vorige Woche hier und ließen viel Musik hören. Die Devrient sang nach dem Urtheile derer, die sie von früher kennen, wie nur in ihrer besten Zeit – eine Szene und Arie aus Orpheus prachtvoll und eine Unmasse Schubertscher abgedroschener Lieder mit vielen nicht immer schönen Effekthaschereien. So sang sie in dem bekannten: [„]Am Meer“ von Heine die Stelle: „die Möve flog hin und wieder[“] etwas allzudramatisch . ferner: „verrrrgiftet“ u. s. w. Die Schumann spielte wie immer sehr schön (das fürchterliche Jagen abgerechnet); ich ziehe sie Moscheles weit vor, \an/ dessen altmodig modernisirtem Spiel die Leute „effectiv“ keinen Geschmack finden können. Mein Vater wünschte früher mir bei ihm Unterricht geben zu lassen hat es aber auf das Abrathen von Md Schumann die meinte, er könne mir nichts nützen, aufgegeben. Morgen bringt Moscheles seine Tochter nach London und wird von da schwerlich vor Ostern zurückkehren. Die Oper ist leidlich bestellt; nur das Orchester spielt im Theater über alle Massen nachlässig und inkorekkt [!]. Rietz’s Abjagen der Tempi ist auch sehr unerfreulich. Von Neuigkeiten waren „die Belagerung von Belgrad“ (Lärmen und viel Arbeit um nichts d. h. um keine Ideen, wenigstens nicht eigne) von Jul. Becker (zweimal aufgeführt und nicht wieder) und die „Ruine von Tharand“ von Heinze in Breslau, 1mal aufgeführt hat noch weniger angesprochen als erstere Oper. Die Texte beider sind auch musterhaft schlecht. – Doch etwas sehr Interessantes steht uns nächsten Monat bevor „Schumanns Genovefa“ über die ich Ihnen bei einer Fortsetzung dieses Briefes berichten will. Für heute muß ich, das sehen Sie selbst, schließen. Mama und Isidore sind in Dresden und lassen Sie tausendmal grüßen. Empfehlen Sie mich gütigst der Md. Heinrich und andren musikalischen Größen in Stuttgart und seien Sie versichert der aufrichtigen Verehrung und Ergebenheit Ihres H G v Bülow.



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (28. 1. 1849); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 3 2026.