Lieber Freund!
Schönsten Dank für Brief u. Leistungen einer u. zweier Hände! Heermann ist über deine Direction ausserordentlich entzückt gewesen. ähoffentlich hat er dabei auch gut gespielt.å Das Concert ist letzter Tage erschienen. Was Recensionen anlangt, so wirst du wissen, daß ich dagegen nachgerade hartschlägig geworden bin. Heermann habe ich den betreffenden Ausschnitt mitgetheilt. Meine C moll-Sonate habe ich nicht bei der Hand, und weiß dir daher gar keine Auskunft zu geben. Denn auswendig weiß ich von dem Werk, wie von sehr vielen andern, nicht eine Note. Mein Gedächtniß in dieser Hinsicht ist von einer rühmlichen Schlechtigkeit. Auch weiß ich neuerer Zeit überhaupt immer nur in demjenigen Opus bescheid, an welchem ich gerade componire. Hilf dir also wie du kannst. ich will aber – der Sache wegen – doch ein Exemplar◊2 der Sonate habhaft zu werden suchen, und sehen, wie ich dem Umstand beikomme.
äDeine Grüße an die „Damen“ habe ich ausgerichtet und werden dieselben◊3 freundlichst erwiedert. Was erstere, nämlich die „Damen“ anlangt, so sind sie in tiefe Trauer versetzt durch den gestern Abend 8½ Uhr erfolgten Tod Johanna’s (Urheberin der „Kratzbürste“ ) deren bekanntschaft du voriges Jahr in Kreutznach erneuert zu haben dich vielleicht erinnerst. Seit Wochen dauerten die Qualen der Unglücklichen, und wir preisen Gott, der sie endlich erlöst hat. ich bin – leider oder Gottlob? – zu sehr in allerlei Embarras, als daß ich mich die Trauer um meine talentvolle Schwägerin so zu approfondiren vermöchte, wie ihr Werth es verdiente, und das „Nunquam retrorsum“, welches nebst einigen andern ähnlichen Devisen zu meinen Lebensmaximen gehört, läßt mich stets nur an das denken, was kömmt.å
Nicht kann ich diese Zeilen abgehen lassen, ohne dir für das Wohlwollen zu danken, welches du unserm „Conservatorium“ oder unserer „Hochschule“ entgegenbringst. Von meinen Idealen kann da vorläufig nur sehr wenig realisirt werden. Aber ich denke, daß nach und nach vielleicht Einiges sich machen wird.
Für die frommen Wünsche, das Gedeihen meiner Werke anlangend, bin ich dir, wie von je, so auch jetzt vielen warmen Dank schuldig. Offen gesagt kann ich ja auch nur diejenigen für meine wahren Freunde halten, welche mir es möglich zu machen suchen, daß ich mich künstlerisch dar- und auslebe. ich weiß, daß einzelne Persönlichkeiten sich mit weniger Rückhalt und größerem Vertrauen an mich anschlößen, wenn sie meine Thätigkeit übersehen könnten. Allein die Zeiten ermahnen zu größter Vorsicht, und ich sehe täglich, wie viel Feinde ich habe, und wie man von mehr als einer Seite immer Alles thut um mich zu ducken, mir Concurrenz zu erwecken, mich von Diesem u. Jenem ferne zu halten, und – auch jetzt noch – wo möglich dadurch auszurotten, daß man mir die Lebensadern nach so manchen Seiten hin geradezu unterbinden will. Da heißt es denn: Ausdauern und vorhalten!
Lieber freund! Du gehörst zu den nicht sehr zahlreichen freunden, welcher es bei den frommen Wünschen nicht hat bewenden lassen, sondern zumeist die Realisirung derselben förderte,◊4 und es freut mich derzeit ganz besonders, dies sagen zu können.
Mit den schönsten Grüßen von uns Allen
dein getreuer
frankfurt a/m 16. Nov. 1878. JRaff.
copyright Simon Kannenberg