Absender: Joachim Raff (C00695)
Erstellungsort: Wiesbaden
Empfänger: Hans von Bülow (C00114)
Datierung: 14. Oktober 1872 (Quelle)
Standort: Sächsische Landesbibliothek (Dresden)
Sammlung: Staats- und Universitätsbibliothek
Signatur: Mscr.Dresd.App.2551,44
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Lieber Freund!
Du wirst dich bereits darüber gewundert haben, daß ich die mir freundlichst geschenkten Cigarren
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Bedankt sich für die "Solon"-Zigarren, rauche "Dos Amigos". Berichtet über Wende in der "Affaire Ratzenberger: Freudenbergs Musikschule habe einen glücklichen Anfang genommen (seine Frau habe am gleichen Tag ein Knäblein geboren) und Ratzenberger die Stelle als Direktor des Synagogen-Gesangvereins und Stunden am Pensionat angeboten. Dieser habe nun geschrieben, dass er nicht vor Frühjahr kommen könne. Will, dass dieser aus Düsseldorf hierher komme. Habe nichts weiter von Hartvigson gehört, obwohl dieser versprochen habe, zu schreiben, wie es ihm in London ergangen sei. Habe ein Variationenwerk für diesen fertig gestellt. Wolle es nicht in Druck geben, ehe es der E. gesehen habe. Es sei sehr schwer zu spielen. Der E. werde Liszt zu Besuch gehabt haben. Habe sich viel mit "Christus" beschäftigt, den er besser als die "heilige Elisabeth" finde, "den abscheulichen Schluss ausgenommen". Das Oratorium werde gewiss Widerstand finden, aber mit Unrecht. Grüsse von Frau und Kind.

Lieber Freund! Du wirst dich bereits darüber gewundert haben, daß ich die mir freundlichst geschenkten Cigarren in Empfang genommen, ohne mich dafür zu bedanken. Doch liegt die Ursache meiner Zögerung nicht in meinem Sinn, sondern anderswo, wie weiter unten zu sehen. Zunächst also schönsten Dank für die „Solon“-Cigarren, von denen sich bei deiner Rückkehr sicherlich noch eine namhafte Quantität vorfinden wird, da sie mir zu Gut sind, um sie selbst zu rauchen. hier ist nun die verkehrte Welt: Die bekannten rauchen „meine“ Cigarren; ich aber rauche die „Dos Amigos“ (Pälzer.) Warum ich nun nicht früher geschrieben, das hat seinen Grund in der Wendung welche die Affaire Ratzenberger genommen, und worüber ich dir nunmehr unverzüglich referiren muß. freudenbergs Musikschule hat einen so glücklichen Anfang genommen, daß er mit 45 Eleven anfangen konnte. (Der beginn fiel – nebenbei gesagt – mit der Niederkunft seiner frau mit einem Knäblein auf den nämlichen Tag zusammen.) In folge dessen nun kann freudenberg nichts Anderes mehr nebenbei betreiben. Er hat daher Ratzenberger seine Stelle als Director des hiesigen Sÿnagogen-Gesangvereins, sowie auch die Lectionen in einem hiesigen Pensionate angeboten. Die Thätigkeit in ersterem Verein beschränkt sich auf 1–2 Proben pr Woche, Gehalt 200 Thlr. Der Stundenpreis in der Pension 1 Thlr. Nun hoffte ich, daß Ratzenberger alsbald kommen könne und werde, da ihm sonst alles wieder verloren geht. Dagegen erhalte ich heute früh endlich einen brief von ihm, worin er auf seine dortigen Schulden hindeutet und vor frühjahr nicht kommen zu können glaubt. Er sprach mir hier schon von cca 800 Thalern die er brauchte, wornach du bemessen kannst, daß er ein wenig drinnen steckt. Meine Ansicht aber ist, daß er jetzt um jeden Preis von Düsseldorf los u. hieher kommen müßte. Er hat hier im Sÿnagogenverein und im Curhaus zusammen über cca 450 Thlr fixum; an Stunden wird es ihm nicht fehlen, und er kann sich in Kurzem eine brillante Position machen, was man hier so nennen darf. Aber – Sero venientibus oßa! Es handelt sich also darum: Ist es nicht möglich, daß er durch Bürgschaft oder Darlehen von seinen Düsseldorfer Verbindlichkeiten alsbald los kommen kann? Ueberleg’ und schaff’ Rath, wenn es dir möglich ist. Aber es eilt alles. Von Hartwigson habe ich Nichts weiter gehört, obwohl er mir versprach, zu schreiben wann u. wie er in Londom◊1 angekommen sei. Ein Variationenwerk für ihn ist fertig. Ich will es aber doch nicht zu Druck geben, bevor ich es dir nicht gezeigt habe, da es sehr schwer zu spielen ist. In den letzten Tagen wirst du Liszt zu besuch gehabt haben, welcher einige Tage bei dir zuzubringen gedachte. Ich habe mich in den letzten Tagen viel mit seinem Christus beschäftigt, welchen ich entschieden besser finde als die heilige Elisabeth, den abscheulichen Schluß ausgenommen. Es ist wahrscheinlich, daß ich der ersten Aufführung des Werkes beiwohnen werde, wenn dieselbe irgendwo stattfindet, wo es nicht allzuweit hin ist. Das Oratorium wird gewiß viel Widerstand finden, aber mit Unrecht. Doch hierüber ein ander Mal. für heute genug für deine karge Zeit! Mit besten Grüßen von frau und Kind dein Wiesbaden treuer 14. October 1872. JoachimRaff. [copyright Simon Kannenberg]



Bereitgestellt durch: Sächsische Landesbibliothek Dresden (SLUB)



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Zitiervorschlag: Raff, Joachim: Brief an Hans von Bülow (14. 10. 1872); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 3 2026.