Lieber Freund!
„Obschon“ immer derjenigte zuerst schreiben muß, welcher ex gegangen ist, so sehe ich mich doch veranlaßt eine Ausnahme hievon zu machen. Erstlich muß ich dir danken für deinen besuch, welcher mir in mehr als einer hinsicht zur Freude gereicht hat. In mehr als einer hinsicht.
Einmal habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß sich deine Gesundheit doch bedeutend gebessert hat, und daß sie, wofern du nicht für das Gegentheil sorgst – – in einem Zustande bleiben wird, der dir eine längere Reihe von Jahren erfreulichen Wohlbefindens verspricht. Dann hat mir dein besuch wieder manche freundliche Anregung gebracht. Insbesondere wird sich dies an meiner erneuerten Productivität fürs Klavier bald zeigen. Damit du übrigens sehest, daß ich mit mir reden lasse, will ich dir nach München die beruhigung mitgeben, daß ich die betreffende Stelle im Geigen-Menuett nun thatsächlich geändert habe.
Nun muß ich dir über die Ratzenbergersche Angelegenheit referiren. Wie ich es mir schon gedacht hatte, waren die Schreiberschen Nachrichten, daß keine Concerte mehr stattfinden werden u. d. gl. durchaus aus der Luft gegriffen. Der Curcommissär machte mir gestern seinen besuch und versicherte mir, daß nicht nur die Virtuosenconcerte aufrecht erhalten werden, sondern daß auch Matineen für Kammermusik eingeführt werden. Als beleg theilte er mir die bereits gedruckte u. demnächst an die Journale zu versendende Annonce mit. Seinerseits ist er auf meinen Vorschlag, Ratzenberger ein einmaliges Auftreten in den Curconcerten zuzusagen u. auch demselben das Accompagnement zu übertragen, ganz gern eingegangen. ich habe hievon Ratzenberger gestern noch Kenntniß gegeben, und überlasse ihm nun, was er thun will. Die hiesigen Zustände müssen neu aufgebaut werden; fühlt er sich dazu angethan, so mag er mit Hand anlegen; wie er sich dann bettet, so wird er liegen.
Hartvigson ist gestern Abend 5 Uhr abgereist mit directem billet nach London via Calais. ich hatte ihn nach deinem Weggang wiederholt besucht, allein er hatte nichts bedurft. Auch brachte ich ihn nach dem bahnhof um mich von seinem glücklichen Fortkommen zu überzeugen. Glücklich! Der arme Schelm ist nicht nur von seinem rechten Fuß noch nicht genesen, sondern er leidet nun wegen der einseitigen Anstrengung des linken Fußes auch an diesem. Gerne hätte ich ihn mit Wilhelmi zusammengebracht; aber dazu gehörte einiges Entgegenkommen des letztern, der aber augenblicklich so mit seiner neuen Tournée beschäftigt ist, daß er an gar nichts anderes denkt. Vorgestern war ich mit Helenchen bei ihm, in der Absicht, \mich/ mit ihm wegen Hartvigson zu besprechen. Er benutzte aber meinen besuch blos, damit ich ihm seine Chopinschen Nocturnes nochmals revidire, während das Kind still in einer Eke◊1 kauerte. Gestern fuhr er nach bingen u. hinterließ mir „sein“ Arrangement der Wagnerschen Romance mit [...] einem billet (jetzt im besitz von Hartvigson) des Inhaltes, daß ich dieses Arrangement revidiren u. einen bogen darin neu herstellen soll. Du siehst wohl, daß solche Leute sehr schwer zu behandeln sind, zumal wenn sie eine Frau von Adel haben, und daher glauben, daß es nichts gebe, was sie sich nicht herausnehmen könnten. Wozu dann noch das bewußtsein kömmt den väterlichen Geldsack etc. hinter u. neben sich zu haben. Damit wir nun aber unsere Absicht wegen Hartvigson doch erreichen, müssen wir uns hinter Steinitz stecken. Ad hoc wäre gut, wenn du irgend eine Veranlassung wüßtest, wie man Steinitz’s Aufmerksamkeit auf Hartvigson lenkte, so daß er Wilhelmÿ den Vorschlag machte mit H. zu reisen.
ich weiß, wie knapp es dir mit der Zeit geht, die auch bei mir wieder etwas kostspieliger wird. Dieser brief kann daher hier schließen. Gern hoffe, daß es dir in baden-baden gut ergieng, und daß du auch in München erträgliche Zustände vorfindest, und sohin grüße ich dich mit den Meinigen aufs herzlichste.
Stets dein getreuer
Wiesbaden 30 Sept. 1872. JRaff.