Lieber Freund!
Deine Zeilen vom 8. d. M. empfieng ich heute früh hier in Luzern. Zunächst gratulire schönstens zu deinem neuesten Erfolge. Es ist schade, daß Du nicht mehre Sachen schreibst, wie die Cæsar-Musik. Wilhelm Tell und Jeanne d’Arc wären ad hoc nicht übel. Auch daß du die einsätzige Sÿmphonie hast liegen lassen, nachdem du mit „Nirwana“ nicht so viel Erfolg gehabt als mit „Sängers Fluch“, ist nicht in Ordnung. Man muß – zumal in Deutschland – immer mehrmal auf einen Keil schlagen, ehe man zum Ziel kommt. ich weiß wohl, was du mir einwenden wirst, aber – – wie sagt doch Göthe?
Was hilft es, viel von Stimmung reden?
Dem Zaudernden erscheint sie nie.
Setz’ dich also baldigst wieder einmal auf den .... und gieb was tüchtiges von dir! Laß nicht jede freudige Anregung im Wind verfliegen!
ich bin mit meiner Frau am 7ten von Wiesbaden nach dem Schwarzwald gereist, dem ich gestern in Waldshut Adieu sagte. Nach Conferenz mit meinem Librettisten in Basel, bin gestern Nacht hier angekommen. Die Verehrten Deinigen sah ich vor unserer Abreise. Dein Schwager war bereits wieder nach Petersburg gereist. frau von Bojanowski mit den Kindern sowie deine Mama befinden sich in Schwalbach /: Nassau-Preussen :/, drei Stunden von Wiesbaden zur Cur, und logiren dortselbst im Hôtel Wagner. Alle befanden sich zur Zeit unsrer Abreise ziemlich wohl. Mama sprach die Absicht aus, nach dem Schwalbacher Aufenthalt ein logis am Rhein zu miethen. Alle trugen mir Grüße an dich auf, falls ich an dich schreiben würde. Dies letztere liegt schon seit Eingang deines Vorletzten in meiner Absicht. Allein nach meiner Rückkehr aus Weimar – Leipzig war es meine erste pflicht, nochmals Hand an die Waldsÿmphonie zu legen, worin noch eine Stelle im letzten Satz überarbeitet, und die Tempi durchaus genauer specificirt werden mußten. Sobald dies geschehen war, gieng ich fort, da der knappe Urlaub meiner frau ihr nicht auch noch durch mein Zögern verkürzt werden sollte, da ich ohnehin am 24. Abends in Wiesbaden zurück sein u. am 25. Abends in Weimar eintreffen soll. Waldsÿmphonie hat übrigens sehr gefallen, und namentlich Liszt, Lassen u. a. gehörig imponirt. Werde demnächst günstigen Moment benutzen, um entsprechende Nachfolgerin an’s Licht zu stellen.
Von Sÿmphonie u. Oper schicke dir im Herbst Abzüge.
Von Merians ohne Nachrichten. Daß „allgemeinem Musikverein“ beigetreten, wirst nächstens hören. Auf Liszt’s wiederholtes Andringen, habe ihm zur Feier unserer 25 jährigen Bekanntschaft präsent mit Erlaubniß gemacht, meinen Namen in Liste einzutragen, wo neben sehr viel Sch........... quand même mit einigen anständigen Leuten zusammenkommen muß, welch’ letztere rari nant in Gurgite vasto.
Wenn nicht aufhörst, Raff zu spielen, so werde mich bitter rächen, und schandbares Klavierconcert an dich adressiren – Spaß bei Seite, werde eines Morgens mit gewaltigem Stück an dich gelangen.
Amerika!!! Ja – hast du denn das Geld so höllisch nöthig? Dies könnte und dürfte der einzigste Beweggrund sein, dorthin zu gehen. Wenn nicht – dann nicht! Ausserdem: Giebt oder Gäbe es wirklich für einen Mann wie du keine Gelegenheit mehr auf dem alten Continent zu verdienen was man bedarf und ein weniges drüber hinaus? Gefällt mir nicht – die Sache mit den Jankee’s. Und Geld... Ja, ist denn der Besitz von viel Geld nöthig, um glücklich und zufrieden zu sein?
Und dann: du und Ullmann!! Enfin: ich habe da Nichts zu sagen und es ist ohne Zweifel höchst unbescheiden und anmaßend von mir, wenn ich überhaupt in der Sache nur eine Ansicht oder gar ein bedenken äussere. Aber ich glaube, du wirst bei weiser Ueberlegung ebenwohl von der Sache zurückkommen.
Diese Zeilen müssen nun fort! Leb’ wohl für heute! Nachrichten von dir treffen mich am 24. 25. in Wiesbaden 26–29. bei Merians in Weimar. Vom 1. Juni ab in Wiesbaden.
ich glaube dir sagen zu sollen, daß Liszt über dich sowohl, als über andere personen, nicht eine Silbe gegen mich verlautbart hat. Sollte es demnächst geschehen, so schreib’ ichs an dich.
Nochmals Adieu! Dein treuer
Wiesbaden Luzern
14. Mai 1870. Raff.
copyright Simon Kannenberg