Lieber Freund!
herzlichsten Dank für deine freundschaftliche Berücksichtigung am 21. Januar, wobei mich immer und immer wieder wundern muß, daß Italiener dergleichen anhören.
Aber wie ist es nun? Du willst also schlechterdings nicht zu meiner Oper hieherkommen? Consequent in Bezug auf Weimar mag das schon sein, aber freundschaftlicher thät’s doch ausschauen, wenn ich dich da hätte.
Daß wir nicht nach florenz, überhaupt nicht nach Italien kommen, muß ich dir jetzt schon sagen. bisher waren hier Klavier-, Streichquartett u. Blasinstrumentproben. Nunmehr von Montag an sind Orchesterproben, am freitag den 8ten ist Generalprobe /: da an diesem Tage Confirmation der Princessin Elisabeth, so findet die Aufführung \meiner Oper/ einen Tag später statt :/ Also am 9ten „Dame Kobold.“ Die erste Repetition sollen wir am 2. Osterfeiertage haben. Die Zwischenzeit werde ich mit einem Ausfluge nach Leipzig und Revision der Stimmen zur Waldsÿmphonie nützlich ausfüllen.
Liszt wird zu meiner Oper hier sein. Nachdem ich (wahrscheinlich in einer Probe) meine Waldsÿmphonie gehört, reise nach Wiesbaden zurück. Die erste beschäftigung, die ich vornehme, ist herstellung des Scenarium’s zu einer neuen Oper, die ich im Kopf so ziemlich zurecht habe. Sodann muß an meine Versprechen an Wilhelmi und Maho denken. Sobald die diesseitigen ziemlich umfangreichen Arbeiten beendigt sind, und die sehr starken Correcturen meiner jetzt zu Druck gehenden Werke absolvirt sind, gehe ich an die neue Oper, welche ich im September 1871. zur Verfügung desjenigen Theaters stellen werde, welches sie geben will.
So sehr ich mich daher auch gefreut hätte, eine größere Reise nach florenz zu unternehmen, so muß ich dieses Project ebenwohl verschieben. Dagegen werde ich, um meiner◊1 und meiner Frau Nerven ein wenig zu restauriren, wahrscheinlich einen kurzen Aufenthalt auf dem Schwarzwald nehmen.
Mein hiesiger Aufenthalt Ende Mai wird nur auf die Concerttage beschränkt sein.
Schreib’ mit also nun, wo wir uns treffen. Deine Mutter meinte, daß du hierher nach Wiesbaden kommen werdest. In diesem Falle sehen wir uns natürlich dort. Wenn nicht, so erwarte von dir anderweitige Angabe von Zeit und Ort.
Mögest du in die glückliche Lage kommen, alle deine Geschäfte dort nach Wunsch abzuwickeln, und möge dein Aufenthalt möglichst von Unannehmlichkeiten verschont bleiben, damit du nicht allzu unfreundliche Eindrücke über die Alpen mitnehmest.
Von hause habe Nachricht, daß alles wohl ist. Deinen Nachrichten entgegensehend grüße dich aufs herzlichste und bin
getreuest dein
Weimar JRaff.
2. April 1870. pr adr. Dr Merian.