Lieber Freund!
Es war meine Absicht, nach Versendung meiner Oper, welche in cca 14 Tagen stattfinden dürfte, dir einen längeren Brief zu schreiben. Dieser Absicht handle ich heute in doppeltem Sinne entgegen. Einmal schreibe ich früher als ich ursprünglich gewollt. Dann aber schreibe ich keinen „längeren brief“, sondern nur wenige eilige Zeilen, jenen „längeren“ auf die angedeutete Zeit, wo ich den Druck der dringendsten Arbeit abgeschüttelt haben werde, verschiebend.
Aus Mittheilungen, welche mir von den verehrlichen Deinigen geworden, konnte ich entnehmen, daß du bislang eine Ausfolgung deiner Münchener Pension vergeblich erwartet hast. Mir schien, daß bei fortgesetzter passiver Haltung in dieser Sache Nichts herauskommen dürfte, und ich erlaubte mir eigenmächtig durch eine dritte person in München wegen der Sache nachforschen zu lassen. Der bescheid des hrn v. Düflipp hat keinen Augenblick auf sich warten lassen, und ist mir durch den betreffenden Vertrauensmann sofort mitgetheilt worden. Hier ist er:
Der Grund, weßhalb die von S. M. dem König herrn von Bülow zugesicherte Pension noch nicht flüssig wurde, ist lediglich der, daß die königl. Cabinetscasse bisher noch keine von herrn von Bülow unterschriebene Empfangsbescheinigung erhalten hat. Sobald eine solche an der genannten Casse eingelaufen sein wird – gleichviel ob auf einen Monat, ein Viertel- oder ein halbJahr lautend – so wird die treffende [......] Summe an herrn von Bülow, dessen gegenwärtiger Aufenthaltsort der Cabinetscasse bisher nicht bekannt ist, abgesendet werden.
Mein Vertrauensmann fügt bei, wenn du dies nicht gern selbst thun wollest, so stehe es dir frei, einen notariell Bevollmächtigten in München aufzustellen, der für dich die fälligen Pensionsquoten erhebe.
Ich kann mir denken, daß du über die Freiheit, die mich ich mir genommen, sehr wenig erbaut sein wirst. Auch ersuche ich dich, mich ohne Alle Umstände zu desavouiren. Das wird mir nicht den geringsten Schaden bringen, während wir anderseits doch im Klaren sind, über den zwischen dir und der Cabinetscasse einzuschlagenden Modus vivendi.
Wenn du an hr v. Düflipp schreibst, so sage ganz ruhig, „daß höchst unangenehmer Weise durch die Indiscretion eines gar nicht dazu beauftragten Bekannten diese Sache angeregt worden sei; da aber hiedurch zufällig zu deiner Kenntniß gekommen, daß du diese und diese Formalitäten gegen die königl. Cabinetscasse nicht erfüllt habest, so beeiltest du dich hiemit das unfreiwillige Versehen deinerseits gut zu machen, und übermittelst hiemit mit Angabe deines gegenwärtigen Domicil’s eine Quittung über das 1te Quartal deiner Pension.“
Quod erat demonstrandum! Nunmehr aber diese Sache abgethan ist [ich nehme nämlich an, daß ich das ganze Gezankte bereits empfangen habe]◊1 Gruß und Handschlag zum Neuen Jahr, welches sich hoffentlich heiterer für dich gestalten wird, als das abgelaufene.
Streng \dich/ nicht zu sehr an mit Musiciren und spiel’ nicht gar so viel Raff. frau und Kind grüßen schönstens und ich umarme dich in alter und neuer Treue
Wiesbaden
7. Januar 70. JoachimRaff.
P.S. Wenn du Spitzweg oder sonst Jemand in Münchenx) mit dem Incaßo deiner Pension beauftragst, vergiß nicht, die Unterschrift der betreffenden Vollmacht in florenz legalisiren zu lassen, was am Besten auf der Polizei, oder auch auf dem Bureau der Baÿerischen Gesandtschaft geschieht. –
x) vielleicht Grandaur –
copyright Simon Kannenberg