Verehrter freund,
kam gestern Abend erst aus dem Schwabenlande zurück, aus Stuttgart, wo ich mit Deiner Prätendentenfantasie im Jahre +++ debütirt, jetzt nach achtzehn Jahren mit einem so fabelhaften Enthusiasmus bewillkommt worden bin, daß es mir leid thut, nicht statt zwei etwa sechs Soiréen gegeben zu haben und überhaupt nicht dort, statt hier zu residiren.
Doch München hat auch sein Gutes. Heute früh Conferenzen wegen hl. Elisabeth ä(24 febr. festgesetzt)å und Lohengrin neu einzustudiren ä(Mai)å – heute Nachmittag eine dreistündige Chorprobe. So komme ich denn erst in der Abendstunde an den Schreibtisch. Hätte Dir gern von Berlin aus geantwortet, als Bock mir aus Deinem Briefe Deine freundschaftliche Beschwerde über meine Schreibfaulheit vorlas. Aber – ich gestehe gern alle schwachen Augenblicke ein – ich hatte mich schmählich über Deinen afrikanerischen Artikel geärgert, trotzdem ich ihn den Herren vom Dräsener Dohnginstlerverein gegenüber wacker vertheidigt, trotzdem ich zwischen den Zeilen zu lesen nicht verlernt und über die feuchte Rührung Emil Bocks bezüglich „der von Meyerbeer erfüllten Mission“ und „Selika’s, der scheidenden Muse“ des Missionärs – mir schier den Bauch habe halten müßen.
Schönen Dank daß Du mir Gelegenheit gibst, Dir wieder zu schreiben. äSchön werde ich Dir freilich nicht schreiben bei meiner heutigen Ermüdung. Zur Correctur Deßen sende ich gleichzeitig durch die Musikhandlung eine neue Partitur, sie Deiner objectiven Nachsicht recommendirend.
Also nun zur Sache per 1. 2. 3. 4. 5.
Ad 1.å Gestatte zuerst, daß ich meiner Verwunderung Raum gebe über Deine Nichtgleichgültigkeit gegen die Brendelsche Zeitung. Haben wir die Rollen vertauscht? Früher hielt ich sie für beachtenswerth, seit Geraumen◊1 aber ganz und gar nicht mehr, äseitdem der Redakteur und seine beiden schoflen Mitarbeiter sich gegenseitig dermaßen ancretinisirt, daß... beinahe die Signale auf grössere Respektirlichkeit Anspruch erheben dürfen.å Seit lange habe ich jedem Einfluße auf diese entzukünftelten Gegenwartsphilister entsagt. äDiess wird mich nicht abhalten, Br. (wo möglich noch heute Abend) die Angelegenheit vorzutragen und ihm den mir von Dir übergebnen Artikel einzusenden. Auf Deine Autorität hin will ich ferner meine Überzeugung, daß Freudenberg ein Lump einstweilen sistiren. å
Bei dieser Gelegenheit – Br. hat die Schwindsucht und dürfte in Jahresfrist das irdische Jammerthal gegen Nirwana einge\ver/tauscht haben. So lauten mehrfache Berichte, die ich jüngster Zeit erhalten. Also – keinen Groll gegen ihn, da er ein Todescandidat!
äAd 2. Frl. Topp hat sich neulich in einer ihrer unbegreiflichen Launen wieder nach Stralsund – gedrückt, wo sie, wie ich höre, leider krank sein soll. In früherer Zeit hatte ich ihr von einer Assoziation mit den Gebr. Müller, die sie zu einer ruß. Reise (ins Blaue) engagiren wollten, in ihrem Interesse, bei der bekannten kaufmännischen Gesinnung der M M M M abgerathen. Frl.Topp hat für gut befunden, mehrere meiner wohlgemeinten Rathschläge nicht zu beachten – zu ihrem Schaden und meinem Ärger; ich befinde mich daher im Falle, ihr niemals mehr weder zu noch abzurathen. Dass sie in Wiesbaden nicht so gut gespielt hat, als sie kann, habe ich ihr auch übel genommen. Sie hat ein enormes Talent, aber etwas ans Gemeine Streifende, was in ihrer Erziehung liegen mag.
ad 3.å Einen Pianisten, wie Du ihn für Wiesbaden, als Spieler wie als Lehrer wünschest, kann ich Dir empfehlen, einen älteren und einen jüngeren, beide – solidere Spieler als Blassmann, der so viel Dilettantisches an sich hat und beide direkte Gegentheile von Lumpen. Der eine, ältere heisst \Albert/Werkenthin (war Schüler des Conservatoriums von Stern, später Lehrer an diesem Institute – gibt Triosoiréen seit einigen Jahren, spielt auch recht leidlich Geige) – der andere, jüngere ist 19\–20/ Jahr alt, gibt aber bereits seit vier Jahren in Potsdam Unterricht heisst Heinrich Barth. Letzterer ist sogar ein recht bedeutender Virtuos und hat viel und tüchtig bei Kiel gelernt. Beide haben mich viel Zeit gekostet, die ich jedoch nicht bereue.
äad 4. Siegel ist – drollig. Er freut mich aber, daß er sich nach langem Bohren von mir an Dich gewendet hat und somit wiederum durch seine Verbindung mit Dir etwas für die Ehre seines Verlags gethan hat. (ist doch besser als Forberg. ) Aber von Liszt bekommt er nichts mehr. Ich habe mich weidlich über ihn und seine Kohlerei ennüyirt – er hat mich immer zu Grobheiten gezwungen, wenn ich endlich Ruhe haben wollte. Erlaube mir den Rath, ihn sehr kurz zu halten. Er verträgts nicht blos, er bedarf dessen.
Ad 5.å Jul. Schäffer hat sich durch seine äinfamenå Artikel über Wagner bei Gelegenheit von deßen Conzert in Breslau für mich unmöglich gemacht. Er ist überdiess in jeder Hinsicht Mucker geworden, ähier und da soll er sich betrinken. Wenn er nicht betrunken (was vorkommt) – ist er sehr nüchtern.å Schwerlich hat er gegen Dich eine Antipathie, da Du weder Wagnerianer, noch Lisztianer, sondern Raff bist. Somit denke ich, er wird für die Kunst Deines „de profundis“ umso empfänglicher sein, als er selbst das Componiren aufgegeben und andrerseits Franz ebenfalls wenigstens kein „de profundis“ geschrieben hat. An Deiner Stelle würde ich mich an ihn wenden. äWahrhaftig, jetzt thut mir’s merkwürdiger Weise leid, daß Schäffer sich so schandbar benommen, da ich Deinen Wunsch meiner Intervention nun mir einem „non possumus“ beantworten muß!
Den Palmsonntag bin ich leider nicht frei, sondern vermuthlich noch in Paris, wohin ich den 13 März reise, der Aufführung der Graner Messe in St. Eustache beizuwohnen. Eben schlage ich im Kalender nach und finde daß Palmarum der 25ste. Es wäre \also/ doch eine Möglichkeit und bei der Rückreise noch dazu sehr bequem. Lange kanns übrigens nicht mehr dauern, und ich hoffe das Conzertwesen einmal in die Hände zu bekommen. Dann werde ich mich freuen, einige Deiner grösseren Werke hier executiren zu laßen. Dieses Jahr muß ich mich schon begnügen, Deine Suite Op. 91 in meinen Soiréen zu spielen. So wie ein anständiges Violoncell und eine ditto Geige hier acquirirt sind, spiele ich natürlich auch Dein Quintett und Dein zweites Trio, das mir ohne Vergleich sympathischer ist als das erste. Das Quintett wird dieser Tage in Würzburg Ratzenberger mit dem Ritterschen Quartett ausführen, so erwarte ich. Letztes ist recht erträglich, wie ich neulich erfahren.
Genug für heute. Habe Dank daß Du wieder von Dir hören gelaßen, sei nicht böse, daß ich Deinen Wünschen nicht vollständig entsprechen kann und behalte in freundlichem Andenken (also entschuldige Dich nicht wegen „Zudringlichkeit“!)
Deinen
treuergebnen
HansvBülow.
Herzliche Grüsse von Haus zu Haus, die sich hoffentlich gleichen Wohlseins erfreuen.
München, 5 febr. 1866.
◊2Von Stuttgart erzähle ich Dir nichts weiter als daß Pruckner wohl ist und sehr liebenswürdig gegen mich war. Mit Singer steht er jetzt leidlich; zwischen letzterem und Lebert herrscht aber Todfeindschaft. U. s. w.å
[transkribiert von Simon Kannenberg, copyright]